Alben des Monats – April & Mai 2015


Die Vorbereitungen für das Maifeld Derby und die Bettlägerigkeit von 50 Prozent des Postie haben uns im Mai ganz schön zu schaffen gemacht. Deshalb gibt es die Alben des Monats diesmal in einer Doppelausgabe. Viel Spaß mit dem Besten aus April und Mai!



April

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Mit einer Saxophon-Geigen-Kollabo, Warmdüschern und Blurs Comeback!

Schon wieder ein Monat rum, doch wo sind diesmal die guten Alben geblieben? Viel war nicht los in der Musikszene, so als bereiteten sich alle auf den spektakulären Mai vor. Ein paar fleißige Musikanten gibt es aber doch noch, darunter Airick Woodhead, Ian Black und Tyler Okonma. Blur sind auch wieder da. Dass Damon Albarn nach zwölf Jahren nochmal ein gutes Album mit seiner ersten Band herausgebringt, hatten wir nicht so erwartet. Hoffen wir jedenfalls darauf, dass der April der Ausnahmemonat diesen Jahres ist.


Ava Luna: Infinite House

ava luna 250Ava Luna haben erst letztes Jahr Electric Balloon veröffentlicht und schon steht der Nachfolger in den Plattenläden. Kaum verwunderlich, haben doch Bands mit solcher Energie oft noch die passende unbändige Arbeitswut. Infinite House jedenfalls springt auf elf Songs in 38 Minuten von bass- zu gitarrenlastiger Musik und zurück und versperrt sich dadurch einer einheitlichen Kategorisierung. Wo zu Beginn noch verkorkster Funk steht, lässt Sänger Carlos Hernandez auf „Black Dog“ seinen Dave Longstreth raus, bevor die Band sich doch für die noisigere Variante von Led Zeppelin entscheidet. Die erste Hälfte von Infinite House plätschert etwas vor sich hin, doch ab „Infinite House“ geht es schnell stromabwärts. Die Meredith Monk-Gesänge treten weiter in den Hintergrund zugunsten von verzerrten Gitarren und aggressiverem Drumming. Der Höhepunkt ist „Billz“, das die Bipolarität von Ava Luna in knapp drei Minuten destilliert.


Blur: The Magic Whip

blur 250Evolution statt Revolution. So ungefähr muss das Motto der einstigen Britpop-Sternchen bei der Zusammenstellung von The Magic Whip gelautet haben. Die Band hat sich auf ihrer neuesten Platte nicht völlig und aufgespielt verändert, hat jedoch auch nicht einfach eine Hommage an vergangene Zeiten produziert. Unbeschwert, locker, wie ein unbekümmerter Sommerspaziergang von ein paar frisch gebliebenen Männern von denen man eher eine Midlife-Crisis erwarten würde, klingen die insgesamt zehn Songs. Fast sinnbildlich dafür steht das verspielte „Ong Ong“, das auf jeden Fall zeigt, dass Blur noch längst nicht im Herbst ihrer Karriere angelangt sind.


Colin Stetson & Sarah Neufeld: Never Were the Way She Was

colin stetson 250Die Kollaboration von Colin Stetson, dem Saxophonisten, der neben seinen beeindruckenden Soloalben schon mit Bon Iver, Tom Waits und Timber Timbre zusammengearbeitet hat, und Sarah Neufeld, der Violinistin von Bell Orchestre, klingt erstmal nach einer einfachen Überlagerung der Musik der beiden Künstler. Beide gehören zur Arcade Fire Familie (die beiden anderen Mitglieder von Bell Orchestre sind Richard Reed Parry und Ex-Arcade Fire-Mitglied Pietro Amato) und sowohl Stetson als auch Neufeld haben solo ein Gespür für minimalistische Komposition entwickelt. Wenn man genauer hinhört, ist Never Were the Way She Was allerdings mehr als ein simples 1+1=2. Die acht sehr unterschiedlichen Songs bewegen sich zwischen dem Free Jazz-Röhren von „To See More Light“ und Philip Glass‘ Filmmusiken und schaffen somit eine eigene Soundwelt, die keiner der beiden Musiker alleine erzeugen könnte.


Doldrums: The Air Conditioned Nightmare

doldrums 250Doldrums‘ zweites Album ist kein Solowerk von Airick Woodhead mehr. Anders als noch auf dem chaotischen Debüt Lesser Evil sind die Songs auf The Air Conditioned Nightmare strukturierter und merklich das Ergebnis von Teamarbeit. Zwar stehen in den Liner Notes außer Woodhead nur sein Bruder Daniel und Steven Foster als Drummer auf der ersten Albumhälfte, doch klingt The Air Conditioned Nightmare nicht mehr nur nach den Spielereien eines Elektronik-affinen Eigenbrötlers. Stattdessen liefert Woodhead ausgereifte Lieder, deren starker Punkt weniger reine Atmosphäre als echtes Songwriting ist. „Loops“ läuft auf Dauerschleife, „Blow Away“ und „Funeral for Lightning“ stehen New Wave-Bands wie PVT und Röyksopp in nichts nach. Der Montrealer hat in seinem Holzkopf aufgeräumt und es steht ihm deutlich besser als das Lesser Evil-Chaos.


Drenge:

Drenge-Undertow 250Drenge sind irgendwie so etwas wie der vergessene Sohn der britischen Musikszene. Ihr Debütalbum war musikalisch eine Granate und doch schwirren die zwei Brüder aus Sheffield immer im Dunkeln der groß gemachten Royal Blood. Dem Duo scheint dies aber ziemlich schnuppe zu sein, denn sonst würde man kein Album wie Undertow auf den Markt bringen. Die zweite Platte von Drenge wirkt zwar um einiges erwachsener und ist an manchen Stellen vielleicht zu sehr durchgeplant und doch haben die beiden nichts an ihrer Härte und Rauheit verloren. Undertow ist eine Platte geworden mit, der selbst die organisiertesten Bankleute mal kurz ausrasten können.


East India Youth: Culture of Volume

east 250Das, was William Doyle aka East India Youth fabriziert, ist Pop für Musiknerds. Mit Einflüssen aus den Bereichen Techno, Ambient und auch Elektro-Pop feiert der stets perfekt gekleidete Brite ein Feuerwerk ab, das seinesgleichen sucht. Doyle ist so etwas wie der verrückte Professor unter den Musikern, der sich zwar stets bemüht, nicht aufzufallen, gerade mit der Art seiner Musik aber das Gegenteil erreicht. Experimente wie „Manners of Words“ gelingen ihm stets und so wippt man bei der anfangs etwas sperrig und schwer erreichbaren Musik doch öfter mit als man denkt. Es ist halt doch eine Pop-Platte geworden!


Slug: Ripe

slug 250Würde man es nicht in einer Review lesen, würde einem nicht auffallen, dass Slugs Debütalbum politisch aufgeladen ist. Abseits der Lyrics über Wahlen und UKIP-Gesicht Nigel Farage bewegt sich die Musik auf Ripe nämlich auf jenem funky Indie/Dance-Punk-Territorium, das LCD Soundsystem vorbereitet und etliche 2000/10er Bands wie the Faint, !!! und Django Django nachgeahmt haben. „Greasy Mind“ paart eine Kopie vom „Helicopter“-Riff mit einer Rhythmussektion der Sorte, wie sie auf den Out Hud-Alben zu finden war; darüber wechseln sich die Zeilen „You’ve got a greasy mind“ und „I wish to entertain“ ab. Das Ergebnis ist viel zerstreuter, als die Beschreibung suggeriert, denn Ian Black hat nicht nur Funk chops, sondern auch eine leichte, theatralische Macke. Daraus ergibt sich ein Gesamtbild, das dem von Ruban Nielson nicht unähnlich ist. Ripe ist fast so eigentümlich wie Unknown Mortal Orchestra – und fast so brilliant.


Tyler, the Creator: Cherry Bomb

tyler 250Der Golf Wang ist zurück! Tyler, the Creator liefert mit Cherry Bomb seinen Beitrag zum Hip-Hop Who’s-the-Boss? der letzten Monate ab. „I named my album Cherry Bomb because ‚Greatest Hits‚ sounded boring“ trifft den Kern des dritten Albums des Odd Future Kopfs ziemlich genau: Cherry Bomb ist vollgepackt mit aggressiven, provokanten und lustigen Songs über Zweisitzer und den „blackest name possible“, die noch einen Schritt weiter gehen als die auf Goblin und Wolf. Tyler ist aber nicht nur der größte Schelm im Hip-Hop-Universum, sondern spielt auch seit seinem 14. Lebensjahr Klavier und hat eine Vorliebe für extreme Musik. Deshalb folgt auf entspannte Jazzklänge („Find Your Wings“) mir nichts, dir nichts der explosive Titeltrack, der härteste Noise Rap-Ausbruch seit clipping.s Sub Pop Debüt. Der Wechsel von cool zu krass zu Kanye („Smuckers“) ist auch das, was Cherry Bomb so gut macht. Ein super Album vom Mac DeMarco des Hip-Hop.


Warmdüscher: Khaki Tears

warmdüscher 250Mal vorab: Wer seine Band Warmdüscher (man beachte den Umlaut auf dem U) nennt, kann keine „normale“ Musik machen. So kleinkariert dies auch klingen mag, es trifft bei der Band aus London voll zu. Ihr Sound ist destruktiv, verbindet etliche Samples mit abstrusen Soundgebilden und macht einen nach ’ner Zeit wahnsinnig. Aber es ist wie bei so vielen Sachen bei denen man weiß, dass sie nicht gut für einen sind: Man will mehr und mehr. So auch beim dreckigen Khaki Tears, einem Album, das einen fesselt wie eine schlechte Droge.


Waxahatchee: Ivy Tripp

waxahatchee 250Warte… wir sind gerade aber nicht in irgendeinem College-Film der 00er Jahre hängen geblieben, oder? Den Eindruck vermittelt Ivy Tripp nämlich ab und an. Eigentlich wäre dies eine schreckliche Tatsache und würde die Platte völlig für diese Liste disqualifizieren, doch sie hat eben dieses gewisse Etwas. Viele würde von diesem „Vibe“ sprechen, wir nennen es Authentizität. Die gute Katie trägt das Herz am rechten Fleck und schert sich nicht um irgendwelche Trends. Sie tut auf unbekümmertes Landei mit Stadtflair und gerade deswegen unterstellen wir der Musikern einfach mal eine große Portion Gelassenheit, die sich beim Anhören schnell überträgt.

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