Ilgen-Nur // © Catharina Rittmann

Ilgen-Nur tourt derzeit als Vorband von Tocotronic durch ganz Deutschland. Vor ihrem Konzert in Leipzig hat sie mit uns über ihre Musik, das Slacker-Dasein und Frauen in der Musikbranche gesprochen.

19 Uhr. Am Leipziger Werk 2 herrscht bereits reges Treiben; der Einlass für das ausverkaufte Konzert von Tocotronic ist bereits geöffnet. An einem der ersten warmen Frühlingstage in diesem Jahr lassen es sich viele nicht nehmen, unter der Abendsonne noch ein Bier mit Freunden zu trinken bevor das Konzert startet. Oben im Backstage ist von dem Betrieb, der vor den Türen der Location herrscht, noch nichts zu merken: An einer langen Tafel wird noch zusammen gegessen und getrunken – fast schon Wohnzimmeratmosphäre.

Ilgen, wie bist du eigentlich zur Musik gekommen? Was hat dich dazu inspiriert?

Ich habe mit elf Jahren Klavier gelernt, bin dann später mit sechszehn zur Gitarre gekommen. Ich hatte aber tatsächlich einen sehr einschlagenden Moment, als ich die CD „Made Of Bricks“ von Kate Nash gehört habe. Ich habe das Album mit zehn oder elf Jahren komplett durchgehört und mir war klar, dass ich auch Musik machen will. Das war so mein Moment, glaube ich.

Und wie bist du dann letztendlich zu deinem gleichnamigen Projekt gekommen, auch in dieser Besetzung?

Ich habe ab dem Moment auch angefangen, Songs zu schreiben und habe das immer für mich selber gemacht. Vor ein paar Jahren habe ich dann bemerkt, dass ich doch eine richtige Band gründen und das nicht alleine machen will. Ich habe dann die Jungs aus meiner Band kennengelernt, als ich nach Hamburg gezogen bin.

Wie läuft das bei euch ab: Schreibst du die Musik und die Songs oder macht ihr das gemeinsam als Band?

Ich schreibe zuhause für mich die Texte und das Grundgerüst, also die Grundakkorde, und habe meistens eine Ahnung, wie ich den Song haben möchte, aber erst wenn ich mir hundertprozentig sicher bin, nehme ich den Song mit in den Proberaum oder schicke eine Demo, frage nach, ob wir daran arbeiten können. Die schreiben dann ihre eigenen Parts dazu.

Also, auch wenn das Projekt unter deinem Namen steht, unterscheidet ihr euch vom Konzept her nicht von anderen Bands?

Doch, schon ein bisschen, weil mir Songtexte sehr wichtig sind und das auch der wichtigste Teil für mich ist. Die Jungs sind natürlich super wichtig für die Band und das ist auch eine feste Besetzung, die sich nicht ändert, aber dennoch ist das irgendwie mein Name und ich bin auch die Einzige, die zum Beispiel die Interviews gibt. Dadurch, dass das meine eigenen Texte und Songs sind, ist das für mich sehr persönlich, aber ich fühle trotzdem so diesen Band-Vibe. Aber es ist jetzt nicht so eine Band, wo alles komplett aufgeteilt wird.

Auf der EP „No Emotions“, die du letztes Jahr herausgebracht hast, geht es vor allem um dieses Coming-Of-Age-Ding. Unsicherheiten spielen zum Beispiel eine sehr große Rolle. Inwiefern hat dich dieses Thema in der Entstehungsphase der Songs selbst bewegt? Wie zeigt sich denn bei dir persönlich Unsicherheit?

Ich habe die Songs für die EP etwa vor drei Jahren angefangen, zu schreiben. Diese Unsicherheiten sind, glaube ich, komplett normal, wenn du gerade erwachsen wirst oder wenn du ein Teenager bist und nicht so genau weißt, was du machen möchtest. Ich wusste halt immer nie genau, was ich später machen möchte. Das war immer ein Problem für mich. Ich wollte nicht da wohnen, wo ich groß geworden bin und es gab unglaublich viele Unsicherheiten, auch mit Freundschaften, die nicht so gut waren. Ich war ziemlich unglücklich und ziemlich unsicher – mit allem eigentlich.

Wenn man auf der Bühne steht, sollte man wahrscheinlich nicht so unsicher sein. Ist das etwas anderes, oder hast du da auch mit Unsicherheiten zu kämpfen?

Mittlerweile nicht mehr. Ich muss sagen, ich bin mittlerweile sehr selbstbewusst. Dieses Selbstbewusstsein musste ich mir aber sehr hart erarbeiten – das ist ein Prozess, der jahrelang geht. Ich habe natürlich Unsicherheiten, und darüber singe ich immernoch. Die trage ich nicht so weit nach außen, lasse mir die nicht so schnell anmerken. Wenn man meine Texte liest, merkt man, dass ich mich natürlich trotzdem sehr öffne.

Hat man da manchmal das Gefühl, dass man zu viel von sich preisgibt?

Ich habe immer das Gefühl, ich gebe zu viel von mir preis oder die Leute wissen zu viel über mein Privatleben. Die Leute in meinem Umkreis können sich vielleicht auch denken, über wen welche Songs sind, aber ich muss das auch für mich selber machen, um gewisse Sachen zu verarbeiten. Mich freut es, wenn sich das jemand anderes anhört und sich damit total identifizieren kann, weil so geht es mir mit anderer Musik auch.

Was inspiriert dich denn selbst so an Musik? Du hast vorhin schon von Kate Nash gesprochen.

Ich höre alles Mögliche: Kate Nash, SoKo, aber auch laute Bands wie Hole oder Bikini Kill.

Mit ihrer Single „Matter of Time“ war Ilgen-Nur unser bestes Release der Woche.

Kannst du dich denn damit identifizieren, dass dich viele Musikmagazine als die neue deutsche „Slackerqueen“ bezeichnen?

Ich finde das lustig, weil ich vorher gar nicht wusste, was ein Slacker sein soll. Ich musste das googlen und habe herausgefunden, ok, Mac DeMarco ist ein Slacker. Das ist eine Person, die faulenzt und viel chillt, was natürlich auch auf mich zutrifft. Ich glaube allerdings, wenn man nur faulenzt und chillt, kann man diesen Job auch gar nicht machen. Man muss den Arsch hochkriegen und Songs schreiben und Konzerte spielen, ist ständig unterwegs, das ist super anstrengend. Ich verstehe, warum ich so bezeichnet werde und ich slacke auch sehr viel, aber ich arbeite auch.

Du meintest eben schon, dass du auch gerne laute Musik hörst. Wie kam es denn eigentlich dazu, dass du die EP gemeinsam mit Max Rieger von Die Nerven produziert hast?

Das kam tatsächlich durch das Kassettenlabel Sunny Tapes. Wir wollten in Leipzig aufnehmen und die Person vom Label kannte Max. Ich bin großer Die Nerven-Fan und habe mich total gefreut und Max meine Demos geschickt. Ich war auch sehr nervös, was er davon hält, aber er fand’s richtig cool und meinte, lass‘ uns das zusammen aufnehmen!

Welche Erfahrungen hast du bei der Produktion gemacht?

Es war total krass, zum ersten Mal so einen Song aufzunehmen und dann in einer so hohen Qualität anzuhören – wie man auch Songs bei Spotify oder iTunes hört. Ich hatte das vorher halt nie. Ich habe jahrelang Musik gemacht, aber halt nie was aufgenommen. Das war ein sehr cooles Gefühl.

Mal ein anderes Thema. Auf Festivals ist das Line-Up häufig vorrangig männlich geprägt. Als Frontsängerin gehört du ja eher zur Ausnahme – wie stehst du dazu, dass einige europäische und amerikanische Festivals sich dafür einsetzen wollen, dass mehr Frauen auf ihren Konzertbühnen stehen?

Ich finde, es sollte selbstverständlich sein. Ich verstehe das auch überhaupt gar nicht. Ich kann an einer Hand abzählen, welche Bands mit Frauen gerade auf Festivals spielen – das bin ich, das sind Blond, Gurr, Die Heiterkeit. Mir fallen da auch gar nicht mehr so viele ein. Das ist traurig, es gibt halt viele kleine Bands, die mehr gepusht werden müssen.

Wie ist das für dich, beispielsweise im Backstage bei Konzerten und Festivals, wenn vorrangig Männer dabei sind?

Es ist schon komisch, aber man ist es nicht anders gewöhnt. Auch hier auf der Tocotronic-Tour: Es gibt Barbara, die Tourmanagerin und mich. Wir sind die einzigen beiden Frauen. Ich war so glücklich, als ich gehört habe, dass noch eine andere Frau dabei ist. Was ist, wenn ich einen Tampon brauche? Ich finde, es kommt ganz drauf an – ich würde mir wünschen, dass mehr Frauen auf und auch hinter der Bühne stehen. Wir haben so viele Konzerte gespielt und hatten in dieser Zeit beispielsweise nur eine einzige Mischerin. Nicht nur bei den Bands ist das ein Problem, sondern die ganze Musikindustrie ist total männerdominiert.

Was glaubst du, woran das liegt? Traut man Frauen nicht so viel zu?

Ja, oder dass sie von kleinauf nicht unterstützt werden, in dem, was sie machen, dass sie sich nicht trauen. Mir wurde halt auch oft gesagt, das wird niemanden interessieren, was du machst, weil du nicht gut genug Songs schreiben oder Gitarre spielen kannst. So wird das in anderen Berufsfeldern auch gemacht – man wird eingeschüchtert und macht es dann vielleicht auch einfach nicht.

Hast du da einen Tipp?

Macht es! Also gründet eure Bands, findet eure Leute, bringt Sachen raus, spielt Gigs und lasst euch nicht von diesen Jungs einschüchtern – ihr seid eh besser!

Hast du schon erste Erfahrungen gemacht, wie im Ausland auf deine Musik reagiert wird?

Ja, ich habe witzigerweise einige Freunde in Frankreich und die hören das auch und finden das auch cool. Auf Spotify kann ich ja auch einsehen, in welchen Städten meine Musik gehört wird. Das finde ich superinteressant. Ich glaube, Platz 5 oder 6 ist Istanbul – das finde ich auch total cool. Obwohl ich auf englisch singe, aber mein Name ist halt türkisch, also meine Familie kommt aus der Türkei. Am Anfang dachte ich, das hören nur Leute aus meiner Familie, aber scheinbar hören das natürlich mehrere Leute, weil so viele Leute kenne ich dann auch nicht in Istanbul. Mich hat auch ein junges Mädchen aus Istanbul angeschrieben und gefragt, ob sie einen Song im Schulradio spielen kann. Das finde ich cool, dass das auch da gespielt wird. Neulich hat mir auch eine Freundin aus England geschrieben, dass ihr meine Musik auf Spotify vorgeschlagen wurde. Das finde ich natürlich cool, weil ich auch möchte, dass die Musik auch außerhalb von Deutschland jemand hört.

Was bringt denn die Zukunft für Ilgen-Nur?

Erstmal die Tocotronic-Tour. Im Sommer spielen wir auf sehr vielen Festivals und haben unsere ersten Auslands-Gigs, worauf ich mich sehr freue. Und dann sollte doch hoffentlich nächstes Jahr ein Debüt-Album erscheinen.

Fotos: Catharina Rittmann