Bilderbuch machen Musik für den Moment und vermitteln mit „Vernissage My Heart“ eine Sehnsucht nach Zusammenhalt und „one earth.“ 

Nicht einmal drei Monate sind vergangen, seit die Band namens Bilderbuch ihren letzten Langspieler „mea culpa“ veröffentlichten; ein Release, welches einfach so, ohne großen Vorlauf und Promotionsphase daherkam und gleichzeitig eine weitere, kurz darauffolgende Platte mit ankündigen sollte. Der Nachfolger „Vernissage My Heart“, das inzwischen sechste Album der Exzentriker aus Wien, ist nun erschienen und es stellt sich natürlich die Frage, inwiefern dieses Kunststück als Ergänzung zum Vorwerk oder eben als ein freistehendes zu betrachten ist.

Eines wird beim Hören von „Vernissage My Heart“ jedenfalls sofort deutlich: Bilderbuch (btw von vielen Anhängern auch gerne mal liebevoll „BiBu“ abgekürzt), erfinden zwar das Rad nicht neu, vereinen jedoch ohne große Irritationen zu erzeugen, so ziemlich jedes relevante Genre der aktuellen Popmusik miteinander und schlendern zum Beispiel von Trap-angehauchten Beats und Cloud-Rap ähnlichem sing-song, zu 70s inspiriertem Psychedelic Rock und ihren gewohnten, bewusst aufgeblasenen Indie/Surf Rock Gitarrenklängen.

Introduziert wird das Album mit breiten, fuzzigen Gitarren, die sich als Basis durch den kompletten Opener „Kids im Park „ ziehen. Emotional vermittelt die Band dem Hörer eine Sehnsucht an das Entfernte, den Kosmos; Hauptsache weg hier. „Ich war zu lang wo ein tiefes Loch ist“ singt Sänger Maurice Ernst zurückblickend und zieht daraus entsprechend die Konsequenz: „Hoch hinaus in die Galaxie“. Beendet wird der Titel mit einem Bowie- esken, positiven Ausblick in die Zukunft: „One day you will be superstars“. Die verzerrten Gitarrenwände verstummen abrupt und werden im Song „Frisbeee“ durch zärtliche, gezupfte Gitarrenakkorde, begleitet von 16tel Hi-Hats, ersetzt. Auch die Vocals werden innerhalb der Strophen vorsichtiger. Ernst sinniert darüber, was ihn eigentlich wirklich glücklich macht und findet seine Antwort in der Einfachheit des Moments. Dies macht er schließlich im Refrain durch einen Ausruf des Titels deutlich, der den Hörer an einen Anfang 2000er OutKast Song denken lässt.

Mit „LED go“ folgt das Herzstück und der sicherlich nachhaltigste Song der Platte. In alter Bilderbuch-Manier packt Gitarrist Michael Krammer seine choruslastigen, tropisch anmutenden Sounds aus, die vor einigen Jahren schon Songs wie „Om“ prägten und die Wende der Band, von schrammeligem Indie-Rock zu einem größeren Fokus auf zeitgemäßen Pop, einläutete. Thematisch dreht sich „LED go“ um die Wichtigkeit der Freiheit und plädiert für weniger Engstirnigkeit und mehr Toleranz in der Gesellschaft: „Es gibt nur eine Culture und die kennt keine Nation / Diese kalte Welt braucht mehr Approximation (one earth)“. In diesem Zusammenhang ist auch die Aktion der Band, einen fiktiven EU-Ausweis herauszugeben, die zeitgleich mit dem Release des knapp 10 minütigen Outros, „Europa 22“ durchgeführt wurde, einzuordnen. Bilderbuch wünschen sich in dieser gefühlt unsicheren Zeit, geprägt durch beispielsweise drohendem ungeordneten Brexit, mehr Zusammenhalt. „Liebe ist the place to be“ singt Ernst und spiegelt so das politische Bewusstsein der Gruppe wider, was in dieser Explizitheit ein Novum in der Bandgeschichte darstellt.

In „Mr. Supercool“ stellt Bandleader Maurice „Baba“ Ernst viele Fragen, die vorerst unbeantwortet bleiben, begleitet von einem Soundgewand, das Gedanken an 80er Prince Scheiben hervorkommen lässt. Im Verhältnis wirkt der Track jedoch etwas repetitiv und weniger aufregend, weswegen er nicht so sehr in Erinnerung bleibt. Der kürzeste Track des Albums, „Memory Card 2“, nimmt als einziger Song direkten Bezug auf den Vorgänger „mea culpa“ und ist mit seiner Spielzeit von etwas mehr als einer Minute eher als Interlude zu verstehen. Fraglich ist, inwiefern ein Album, welches eine sowieso relativ kurze Spielzeit von etwas mehr als einer halben Stunde hat, ein Interlude benötigt, welches dazu noch nicht sonderlich spannend ist.

Erst kürzlich haben Bilderbuch sich für eine Welt ohne Grenzen ausgesprochen und einen eigenen EU Pass ausgestellt. 

Nach der kurzen Ernüchterung geht es jedoch locker flockig mit dem von Autotune überschwemmten „Ich hab Gefühle“ weiter. Ernst stellt fest, dass er punktuelle Lethargie und Gefühlslosigkeit überwinden und Eins mit dem Moment werden kann. Der Track wird abgeschlossen mit einer Passage, in der der Konsens und benannte Haupteinfluss der Band, Kanye West ́s magnum Opus „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“, deutlich wiederzuerkennen ist und trotzdem einen eigenen Bilderbuch-Touch mit sich bringt. Der Titeltrack des Albums beginnt mit Synthies, die an Songs des Produzenten Flume erinnern und verbindet diese mit Funkelementen. Besonders die prominenten Gitarrenparts, bei denen man sich bildlich vorstellen kann, wie Krammer diese mit auf den Rücken geworfener Gitarre und lächerlicher Einfachheit auf einer Festivalbühne vor einem Haufen betrunkener Menschen herunterspielt, bleiben hängen.

Das Outro, welches nebst „LED go“ den zweitwichtigsten Song des Albums darstellt, arbeitet mit Madchester-ähnlichen Percussions, sodass man erst denkt, es handele sich um einen Primal Scream Song. „Ein Leben ohne Grenzen“, das ist der Wunsch der Band, welche den Track und damit das Album mit einem 5 Minuten Instrumentalpart abschließt, der irgendwo zwischen Kraut-/Space-/ und Psychedelic Rock einzuordnen ist.

„Vernissage My Heart“ ist deutlich von dem Vorwerk „mea culpa“ abzugrenzen und als unabhängiges Album zu verstehen. Es ist divers, hat eine positive Grundeinstellung und vereint viele Genres, ohne zusammengewürfelt zu klingen. Bis auf kurze Momente ist es weitestgehend überzeugend und zeigt die Band erstmalig explizit politisch. Außerdem ist das Album als eine Momentaufnahme zu verstehen, weshalb sich zeigen muss, inwiefern es auch den Test der Langlebigkeit bestehen wird. Eines ist jedoch sicher: Es gibt eine Sehnsucht nach Zusammenhalt und „one earth“, die Bilderbuch auf ihrem Album vermitteln und mit der sich vermutlich viele Hörer identifizieren können.

VÖ: 22.02.2019 // Maschin Records
Beste Songs: Led Go, Europa 22

„Europa 22“ von Bilderbuch gibt es hier: 

Text: Dion Schlesiger
Foto 1: Neven Allgeier Foto 2: Timothy Schaumberg