Julien Bracht und Markus Nikolaus sind richtige Nachtschwärmer: Da kommt es schonmal vor, dass man vom Studio aus direkt ins Café zum Frühstücken fährt. Im Interview hat uns das Duo mehr über den Entstehungsprozess ihrer Musik erzählt.

Aus Naumanns Keller dröhnen schon die ersten Klänge von „Warsaw Street“. Denn während draußen noch die Ruhe vor dem Sturm herrscht, wird drinnen noch die Technik abgestimmt. Sowohl Julien als auch Markus sind etwas müde, denn am Vorabend ging es doch noch etwas länger: Heute ist Juliens Geburtstag. Zeit für ein Interview nehmen sich die beiden trotzdem.

Julien, du hast heute Geburtstag. Wie wirst du denn feiern?

Julien: Ich glaube, bei uns sind die Geburtstage immer sehr familiär, aber die Geburtstagsparty mache ich auch nächste Woche Samstag im Funkhaus nach unserem Konzert.

Markus: Oh ja, nach unserem letzten Konzert.

Julien: Ja, da feiere ich nach. Ja, wer kommt da? Alle unsere Freunde kommen und Felix, unser Roadie, legt auf.

Markus: Der legt mit YouTube auf.

Julien: Der macht ein Neue Deutsche Welle-DJ-Set mit acht offenen YouTube Tabs.

Markus: Nach dem Konzert müssen wir einfach nur noch Spaß haben, da darf man sich keine Gedanken über ein ernstes Dj-Set machen.

Jetzt aber mal zu eurer Musik. Ich weiß, dass du auch vor dem Projekt schon als Dj aufgelegt hast, Julien, aber wie seid ihr beide mit Musik in Berührung gekommen?

Julien: Ich habe als Kind angefangen, Schlagzeug zu spielen und hatte dann so eine „Kinderband“ – obwohl ich war, glaube ich, elf und der Rest der Band zwischen 16 und 23. Die Band gab’s so zwei Jahre oder so. Dann bin ich nach Spanien gezogen, habe die Musik erstmal ein bisschen liegen gelassen. Und mit 15 habe ich angefangen zu produzieren, vor allem elektronisch. Als ich dann nach Frankfurt gezogen bin, habe ich angefangen, mich eher in Richtung seriösen Underground House und Robert Johnson-Szene zu bewegen. Wir haben dann 2014 mit Lea Porcelain gestartet.

Markus: Mein Musikgeschmack hat sich tatsächlich durch das Skateboardfahren entwickelt. Dadurch, dass man sich Videos anschaut und immer den Typen feiert, der wiederum dann auch sein eigenes Lied für das Video verwendet. Man zieht sich die ganzen Lieder und erinnert sich dann an die Parts aus dem Video – da wurde unterbewusst ein Musikgeschmack geprägt. Ich kam aus so einer ganz anderen Schiene, aus einer rotzigeren Punker-Schiene eigentlich. Ich habe erst in England in Nottingham gewohnt und in Irland studiert. Julien habe ich dann getroffen als ich wieder nach Deutschland kam und da in Clubs gegangen bin. Clubmusik habe ich anfangs gar nicht so richtig verstanden, weil das für mich nur repetitiver Scheiß war, auf den man ganz viele Drogen nimmt. Und dann habe ich ihn kennengelernt und er hat ja nicht aufgelegt, sondern mit seinem Drumset live über seine Produktionen gespielt. Das war so gestört, weil das so einen Live-Charakter hatte. Nach dem Beziehungsabbruch mit meiner Freundin, mit der ich auch eine Band hatte, habe ich mich mit Julien zusammengetan und wir haben unsere ersten Songs geschrieben. Die waren halt auch sehr ehrlich und sehr krass. Das war kein technobasiertes Zeug und kein Punk – das war eine ganze eigene Sache. Die Anfangsstücke, von denen auch viele auf dem Album sind, sind alle in einem Offenbacher Kontext entstanden, als wir uns noch aus dem Robert Johnson kannten.

Könnt ihr mir vielleicht ein bisschen mehr darüber erzählen, wie ihr als Duo zusammen an eurer Musik arbeitet?

Julien: Eigentlich ist es immer so, dass ich irgendwas aufnehme und eine Basis vorbereite und Markus intuitiv irgendetwas drübersingt. Dann schieben wir uns das Ganze gegenseitig hin und her. Dann kommt noch eine Fläche drüber, noch eine Gitarrenschicht und so weiter.

Markus: Ein Song entsteht eigentlich in einer Nacht. Wenn du am nächsten Tag nicht rausgehst und hast einen guten Beat und eine gute Bassline und eine Stimme, die den Song macht, dann fasst Julien die Idee nicht mehr an. Das ist dann für ihn etwas, das es nicht geschafft hat. Wenn es die Nacht nicht überlebt hat, dann geht’s nicht weiter. Das ist in der ersten Nacht und anschließend werden die Sachen ausproduziert, was etwas entspannter ist.

Ihr arbeitet also immer nachts? Könnt ihr zu dieser Zeit besser arbeiten?

Julien: Wenn wir schreiben, ist es schon ein krasser Rhythmus auf jeden Fall. Dann gehen wir so um fünf ins Studio, manchmal auch früher. Aber bis wir warm sind und da wirklich was kommen kann, ist es immer so zwischen 12 und 4 Uhr morgens. Manchmal machen wir das Grundding dann noch fertig und dann ist es 6 oder 7 Uhr, wenn wir nach Hause fahren.

Markus: Manchmal gehen wir auch direkt danach noch frühstücken. In Frankfurt waren wir zum Bespiel mal im Café Karen um acht Uhr morgens. In der Nacht davor haben wir Endlessly geschrieben. Wir gehen noch ins Karen, haben wir gesagt. Dann haben wir da zwischen alten Rentnern gesessen und dachten nur, wir haben gerade so einen krassen Track geschrieben.

Julien: Und links neben uns: „Norbert, reichst du mir mal bitte den Pfeffer?“

Markus: Davon wollen wir auf jeden Fall mehr. Wir haben auch, nachdem wir das Album rausgebracht haben, wieder angefangen zu schreiben. Am Anfang tut man sich ja immer so ein bisschen schwer, weil man sich ja irgendwie auch ein bisschen entwickeln will. Jetzt sind wir aber wieder reingekommen ins Schreiben und haben wieder einen richtigen Spaß daran entwickelt, andere Sachen auszuprobieren. Nach der Tour gehen wir auch erstmal drei Wochen nach Südamerika und schreiben dort Musik – nach Rio in Brasilien. Auch nur wir zwei, weil das ist eine ganz krasse, energetische Sache – das ist wie eine Spirale, die sich die ganze Zeit dreht und die immer schneller wird. Wenn wir dann da für drei Wochen sind, kommen auch ganz andere Ideen für noch eine Tour oder für irgendwelche Pläne, für noch eine Vision. Das ist ganz gut, wenn man etwas abgekapselt ist von allem anderen.

Kommt es da dann auch mal zu Reibereien? Wenn man aus unterschiedlichen musikalischen Hintergründen kommt, stelle ich mir das nicht immer ganz einfach vor.

Markus: Nee, es sind schon Gegensätze, die sich ergänzen.

Julien: Wenn wir unseren Groove wiedergefunden haben beim Schreiben, dann ist es schon geil. Wir merken häufig auch beide gleichzeitig, wenn eine Idee wieder abnimmt. Dann guckt man sich schon so an…

Markus: Den Moment hasse ich. Drei Stunden Vollgas und dann lehnt sich der Julien kurz zurück und hört mit dem einen Ohr, dann mit dem anderen. Und ich denke schon, sag es nicht! Aber wir haben auch schon Songs weggeworfen und dem Management gezeigt und die sagen dann, dass es einer unserer besten ist. Manchmal ist man auch einfach betriebsblind.

Julien: Das ist aber schon eine Ausnahme gewesen. In der Nacht, wenn wir so Momente haben wie jetzt auch wieder, dann ist so ein Ding da und dann hört man sich das vier Stunden im Loop an. Das hat so eine Energie. Dann ist die Wahrscheinlichkeit schon sehr gering, dass die Idee wieder stirbt.

Ihr veröffentlicht ja gerade vier neue Songs – drei sind bereits erschienen. Letztendlich münden die dann in einer neuen EP. Wann sind diese Songs entstanden?

Julien: Alle auch während des Albums.

Markus: Manche fand ich besser. Zum Beispiel „Gotta Run“ hat einfach mehr Wertigkeit, aber der Song hat tatsächlich nicht ins Bild vom Album als Konzept gepasst. Wir haben gesagt, der ist stark, aber wir nehmen ihn raus. Und wir hatten noch andere: „Opposite Mind“ haben wir immer aufgehoben – das ist einer der stärksten Tracks. Wir haben so ein bisschen darauf gehört wie es sich anfühlt, wenn man sich das Album komplett anhört, also nach dem traditionellen Ich-lege-die-Platte-auf-Modell. Das war uns einfach wichtig, weil man im Endeffekt ja doch, zum Beispiel bei Spotify, einfach das Album als Ganzes anhört. Irgendwie war das alles stimmiger, aber die Songs, die jetzt rausgekommen, auch „Can I Really Decide“, sind einfach Songs, die wir total lieben, aber die nicht so ganz in dieses Konzeptalbum gepasst haben, die wir aber trotzdem rausbringen wollten, weil sie uns am Herzen liegen.

Ihr habt euer Album ja vor allem im Berliner Funkhaus an eurem Album gearbeitet, oder?

Markus: Halb und Halb. Viel in Offenbach, ein Track ist in London entstanden. Wir haben überall unsere Musik gemacht. Die wirklichen Schübe kamen in Offenbach, neben dem Robert Johnson, wo Julien sein Studio hatte, und in Berlin.

Wie ist es im Funkhaus an der eigenen Musik zu arbeiten?

Julien: Geil.

Markus: Geil. Es ist das Beste, was uns hätte passieren können. In London haben wir sowas gesucht und nicht gefunden. Uns wurden Räumlichkeiten angeboten. Man hat sich auch so krass gefühlt, wenn dann vor der Haustür James Blake steht und sich einen Kaffee kauft. Das war so die Community. Aber wirklich Platz hatten wir da nicht. Wirklich kreativ waren wir da auch nicht. Im Funkhaus haben wir uns einfach echt wohl gefühlt. Wir sind ziemlich gut mit den Leuten da, werden von denen auch sehr unterstützt – die rufen uns an, wenn irgendwas ist und wir rufen die an, wenn irgendwas ist. Wir haben da schon so eine kleine Community mit den Leuten.

Hat sich denn nach der Veröffentlichung eures Debüts irgendwas für euch verändert, auch an der Art wie ihr an eure eigene Musik herangeht?

Julien: Nee. Wir waren von Anfang an ziemlich großdenkend.

Markus: Und trotzdem DIY.

Julien: Es war ein krasser Schritt und wir hatten auch ein kleines Loch vor Weihnachten. Jetzt, habe ich so im Gefühl, geht es in die zweite Runde. Während der Tour merkt man, das wirklich was zurückkommt. Es kommen Leute, die uns erzählen, dass unsere Musik einen krassen Einfluss auf ihr Leben hat.

Markus: Das ist geil. Allein, dass da eine Person am Abend kommt und so einen Satz sagt. Das macht’s schon so megawert. Wann kriegt man das mal gesagt?

Julien: Auch, dass es das stärkste Debütalbum sei, was sie jemals aus Deutschland gehört haben. Ja, jetzt ist so die zweite Runde. Wir schreiben jetzt wieder, wir gehen auf Tour. Im Herbst wollen wir eine Europatour spielen.

Die Europatour wird dann ja wahrscheinlich nochmal eine Steigerung zu dem Gefühl, das ihr jetzt habt. Man ist doch bestimmt neugierig, welches Feedback man auch international erhält.

Markus: Wir haben ja auch wirklich schon viel international gespielt, aber halt nur vereinzelt – einmal Paris mit KVB, einmal da mit Alt-J. Aber eine „Hymns To The Night“-Europatour hatten wir noch nicht. Wir hatten immer nur 16 Stunden Fahrt, ein Gig, 16 Stunden zurück. Das ist halt auch mörderisch. Damit macht man sich kaputt, glaube ich. Jeden Tag ein Konzert, das macht schon Sinn.

Julien: Man merkt einfach, auch in Berlin, dass wir da jetzt auf 500 Tickets gehen. Da kommt jetzt so ein bestimmtes Level.

Markus: Da haben wir letztens noch im Auster-Club in Kreuzberg gespielt. Ein Jahr später verkaufen wir 500 Tickets für den dreifachen Preis. Das ist schon schön, es braucht einfach ein bisschen Zeit. Das hat uns jeder gesagt, dass die Musik ein bisschen Zeit braucht, aber das ist vielleicht gut, weil wir auch ein bisschen als Menschen Zeit brauchen, um uns ein bisschen daran zu gewöhnen.

Foto 2: Peter Kaaden