Selbstkritische Texte statt Generation-Alpha-Geprotze: Mit seinem ersten Soloalbum „KIOX“ versucht Kraftklub-Sänger Felix Brummer seinen Platz in der deutschen Rap-Szene auszuloten. Dafür veröffentlicht er erstmals unter dem Klarnamen Kummer.

Ein Neuling im deutschsprachigen Rap ist er schon lange nicht mehr. Bereits 2008 machte Felix Brummer als Bernd Bass auf sich aufmerksam. Zusammen mit Freund und Rap-Partner Linus der Profi veröffentlichte er damals erstmalig Sprechgesang auf Beat. In den darauffolgenden Jahren folgten mit den Alter Egos Bass Boy und Carsten Chemnitz weitere Ausflüge in die deutsche Hip-Hop-Szene. Musikalisch lag der Fokus allerdings stets auf der Chemnitzer Vorzeige-Gitarren-Gruppe Kraftklub. Auf seinem Solodebüt „KIOX“ wagt sich Kummer jetzt allein in deutsche Hip-Hop-Gefilde und lässt dafür alte Bandkollegen samt schmissigen Indie-Disco-Hymnen hinter sich.

Songs über Perspektivlosigkeit

Über den Genrewechsel hinaus geht die Metamorphose von Brummer zu Kummer auch mit einem kritisch gereifteren Blick auf die eigene Herkunft einher. Während Kraftklub noch ironisch-lokalpatriotische Lobeshymnen über Karl-Marx-Stadt schrieben, zeichnet Kummer auf „KIOX“ ein dunkleres Bild der sächsischen Großstadt. Die erste Singleauskopplung „9010“ ist ein autobiografischer Song über das Aufwachsen in einer oft von Perspektivlosigkeit geprägten Stadt. Mit Zeilen wie „Born to be Opfer, Zeit zu kapier’n, dass da wo wir leben, Leute wie wir eben einfach kassieren“ beschreibt Kummer eindrücklich die eigenen Kindheits- und Jugenderfahrungen mit Extremismus und rechter Gewalt. Die logische Fortsetzung zu „9010“ liefert dann „Schiff“, der inhaltlich vielleicht stärkste Song der Platte. Ein klappriges Boot, das jeden Moment zu sinken droht, wird dabei zur Metapher für Kummers Heimatstadt. Wenn dieser von „Ratten“, die sich um die letzten Reste reißen, „Notsignalraketen“ und dem Geruch nach Pisse und Tod“ rappt, sind die Bilder der Ausschreitungen in Chemnitz aus dem vergangenen Jahr noch erschreckend präsent.

Neben autobiografischen Selbstreflexionen und düsteren Coming-of-Age-Stücken setzt sich Kummer auf „KIOX“ auch mit der eigenen Rap-Umwelt auseinander. Mit Songs wie „Nicht diese Musik“ oder „Wie viel ist dein Outfit wert“ arbeitet er sich am aktuellen Deutschrap-Zeitgeist zwischen Modus Mio und Markenfetisch ab. Seine Ankündigung an Supreme-Rapper und vermeintliche Alpha-Männer: „Ich mache Deutschrap wieder weich“. Das deutschsprachiger Hip-Hop auch anders geht, zeigt er dann auch gleich mit der Single „Aber Nein“. Dafür hat sich Kummer zwei Künstler ins Boot geholt, die eine völlig neue Deutschrap-Generation verkörpern: Cloudrapper Lgoony und die Wiener Newcomerin Keke. Szenekritische Lyrics werden dabei von krachend-zitternden Synthies untermalt. Verantwortlich für die düsteren Soundarrangements auf „KIOX“ ist der Berliner Produzent Blvth, der auch schon für Künstler wie Casper oder Ahzumjot produzierte.

Gegenentwurf zum bosstransformierten Deutschrap-Zeitgeist

Fernab von prolligem Männlichkeitsgehabe und Muskelgeflexe punktet „KIOX“ mit schlauen Lyrics, ungeschönten Inneneinsichten und einer gehörigen Portion Selbstkritik. Das macht das Album zu einem schnörkellosen Gegenentwurf zum bosstransformierten Deutschrap-Zeitgeist. Mit „KIOX“ erweitert Kummer die deutsche Hip-Hop-Szene um eine schlaue, kritisch hinterfragende Stimme. Seinem Ziel Deutschrap ein bisschen weicher zu machen, kommt er dabei ein ganzes Stück näher.

Für das Releasewochenende öffnet Kummer in Chemnitz die Pforten des Pop-Up-Plattenladens KIOX. Die Auswahl beschränkt sich auf original ostdeutsche Qualitätsprodukte. An diesen drei Tagen wird dort ausschließlich sein gleichnamiges Solodebüt zu erwerben sein.

Beste Songs: Schiff, Aber Nein feat. Lgoony & Keke, 9010
VÖ: 11.10.2019 // Kummer & Eklat Tonträger

Den Song „Wie viel ist dein Outfit wert“ gibt’s hier: