„Humbug“ von den Arctic Monkeys hat den Hate nie verdient

Heute vor acht Jahren erschien das dritte Studioalbum Humbug von den Arctic Monkeys . Ein Album, das vieles bei der Band verändert hat und selbst Kraftklub echauffiert hat.

Gerne denke ich an die Veröffentlichung von „Crying Lightning“ im Juli 2009 zurück. Es sollte ein Gamechanger für die Band aus Sheffield werden. Vorbei war die Zeit der Teenie-Band, die die Gitarren höher trugen als ihre Skinny Jeans. Mit „Crying Lightning“ zeigten die Arctic Monkeys, dass ihre Geschichten aus Sheffield auf ihren beiden ersten Platten „Whatever People Say I Am, That´s What I´m Not“ und „Favourite Worst Nightmare“ ausreichend thematisiert worden sind. Der Song wurde in den USA von dem Sänger von Queens Of The Stone Age produziert und zeigt eine gewisse Abkehr vom Alltags-Indie. Und damit wäre für die meisten Casual-Fans wie sie die NME damals bezeichnete der Hauptschuldige am Sinneswandel der Band auch festgemacht. Hat der böse Stoner-Ginger Josh Homme etwa die Arctic Monkeys zu etwas getrieben, das sie gar nicht haben wollten? Ist Homme etwa vielleicht sogar an der Schmalzlocke von Frontmann Alex Turner Schuld?

Nein, denn „Humbug“ war nie die schlechte Platte für die sie von sogenannten Fans gerne gemacht wird. Viele machen den Fehler die Platte als Nachfolgewerk von „Favourite Worst Nightmare“ zu betrachten. Dies mag diskografisch zwar vielleicht stimmen, logisch und chronologisch gesehen liegt aber noch die Gründung von The Last Shadow Puppets dazwischen. Im Sommer 2007, also ein paar Monate nach dem Release des zweiten Studioalbums der Arctic Monkeys, traf sich Alex Turner erstmals mit dem Liverpooler Miles Kane, der zur damaligen Zeit noch Frontmann seiner Band The Rascals gewesen ist.

Ein knappes Jahr später war auch schon das erste Studioalbum namens „The Age of the Understatement“ im Kasten ohne, dass Homme auch nur irgendeinen Wort mitzureden hatte. Vielmehr war es eine Platte, die mit den Einflüssen eines frühen Bowies, Nick Cave oder eines Scott Walkers spielte. Singles wie „My Mistakes Were Made For You“ waren nicht nur die Geburt des schleppenden Sounds, den man später auch auf Humbug wiederfinden sollte, sondern auch der Aufschrei eines jungen Künstlers, der sich musikalisch ausreizen möchte. Auch lyrisch hat sich in der Zeit einiges getan. Es ging nicht mehr allen voran um den Chip Shop nachts nach dem Pub, sondern um introvertierte Themen und manchmal sogar ein wenig um Weltschmerz.

Auch Spuren von dem einzigen Album „Rascalize“ von The Rascals sind bei Humbug wiederzufinden und lässt also vermuten, dass die Idee Stone Rock mit einzubinden bereits früh in den Köpfen der Arctic Monkeys herumgeschwirrt haben müssen. Doch was ist jetzt eigentlich so schlimm an dem teilweise psychedelischen Stoner-Sound auf Humbug? Was löst aus, dass manche Menschen es so abstoßen? Viele Fans hatten mit den Arctic Monkeys endlich wieder eine Band zu der sie nach einem Premier League Spiel mit einem Pint in der Hand genüsslich mitgröhlen konnten. Die Zeile „The best i ever had“ von „Fluorescent Adolescent“ ist hier nur ein Beispiel von vielen. Dies ist aber ein Weg, den die Arctic Monkeys nicht gehen wollten. Aus diesem Blickwinkel heraus war die Veröffentlichung von Humbug klug gewählt.

Humbug ist der Grundstein für den großen Erfolg einer Band, die es frühzeitig geschafft hat sich neu zu erfinden und von dem Indie-Bandwagon zu springen. Schaut man sich die erfolgreichen Bands von damals an, sind abgesehen von den Arctic Monkeys kaum noch eine in der Popwelt vertreten. Das Album beginnt mit dem aufbauenden „My Propeller“, das zeigt, dass nicht mehr nur geschrubbt wird, sondern bedacht mit Riffs Spannung aufgebaut wird. Anschließend wird mit „Crying Lightning“ die Brücke zu „Favourite Worst Nightmare“ geschlossen und zeigt das gewonnene Selbstbewusstsein der Band aus Sheffield. Spätestens mit Songs wie „Secret Door“ oder „Pretty Visitors“ sollte Turner klar gestellt haben, dass er nicht die Stimme einer ganzen Nation ist, sondern vielmehr seine eigene Stimme. Was mit dieser anschließend gemacht wird, ist jedem selbst überlassen. Damit führt er lediglich die Tradition britischer Songwriter fort, die ihren Ursprung in Morrissey hat und wir behaupten einfach mal felsenfest, dass selbst der Godfather mit Songs wie „Cornerstone“ ganz gut leben könnte.

Der Vibe dieser Nonsense-Poetry, die sich durch die Alben der Arctic Monkeys zieht, mutet hier für den Zuhörer psychedelisch an, da die Sheffielder Musik mithilfe von Josh Homme und dem Haus-Produzenten James Ford erstmalig an eine komplette Reihe neuer Instrumente geführt worden. Neben den mächtigen Drums von Matt Helders und den schroffen Gitarrenriffs spielten sie auch mit Keyboards, Rasseln und Xylofonen herum. Dieser Prozess in der Mojave-Wüste hat die Band zu dem gemacht, was sie heute sind.

Mit Humbug sind die Arctic Monkeys von einem langatmigem Hype und Everbody´s Darling zu einer echten Band zusammengewachsen. Josh Homme hat der Band ein Gesicht, eine Identität, einen Blues, verpasst, die sie sich für die darauffolgenden Alben „Suck It And See“ und „AM“ zu eigen gemacht haben.  Hätten die Arctic Monkeys den Sprung vom Hype-Train nicht rechtzeitig geschafft, wären sie vielleicht in den Strudel geraten, der seit Jahren Indie-Bands en Masse verschlingt.Was Kraftklub dann wohl in ihrem „Song für Liam“ vor sich hin gereimt hätten?