Die bis jetzt 50 besten Songs des Jahres

Der Ringer – Ohnmacht

Im letzten Song ihres Debütalbums „Soft Kill“ zeigen Der Ringer aus Hamburg alles, was die Stärken des Erstlingswerks ausmacht. Der Text von Sänger Jannik Schneider zeigt Gefühle von Verlorenheit, von direkt gespürter Angst, die ehrlich ausgesprochen wird, ohne dabei prätentiös anzumuten. Der Postpunk Sound, der von der Band selbst mit Vorliebe und durchaus treffend „Soft Punk“ genannt wird, malmt in einfangendem Tempo nach vorne und der jungen Band gelingt die Mischung aus dunkler Originalität und weicher Aufrichtigkeit. Vor allem live lässt sich die daraus entstehende Energie verstehen. Wer das erleben will, kann die Band zum Beispiel auf dem kommenden c/o pop in Köln erleben.

Whitney – You’ve Got A Woman

Das Lion Cover der Jungs aus Chicago unterstreicht nach einem der besten Alben 2016 einmal mehr, wie ausgeprägt gut, beziehungsweise in was für einem qualitativen Spektrum sich Sänger Julian Ehrlich und Gitarist Max Kakacek derzeit bewegen. Auf einer 12″ EP mit dem Dolly Parton Cover von „Gonna Hurry (As Slow As I Can)“ veröffentlicht, konnten wir uns nicht entscheiden, welches der beiden Songs auf diesem Platz unserer Lieblingssongs stehen sollte. Wer die Chance hat, die Band demnächst live zu sehen: Denkt nicht zweimal nach und schaut bei den Lads vorbei. Whitney sind zurzeit wunderbar.

Mac DeMarco – On The Level

Auch Mac DeMarco erlebt einen gewissen Prozess an emotionaler Reife, wie sich auf seinem im Mai veröffentlichten Album „This Old Dog“ spüren lässt. Macs Lyrics drehen sich um zerbrochene Beziehungen, auf dem Weg verlorene Freundschaften und nicht zuletzt um seine eigenen Unzulänglichkeiten.

Kendrick Lamar – ELEMENT.

Kendrick Lamar scheint sich, oberflächlich betrachtet, um die aktuellen Trends im amerikanischen Rap wenig zu scheren und hört nicht damit auf, unangefochten seine eigene Kunstform zu erweitern. Zu beobachten sind dieses Jahr vor allem die (auch zuvor schon bei „Alright“) Fokussierung auf eine wirklich kunstvolle Umsetzung seiner Songs im dazugehörigen Video. So arbeitet Comptons König mit dem jungen Jonas Lindström zusammen und zeigt das vielleicht beste Video des bisherigen Jahres. „ELEMENT.“ wird in seiner kalten Brutalität umgesetzt, Kendrick erzählt, was im Video gezeigt wird. Für die Augen, für die Ohren, für das Gehirn.

Bilderbuch – Baba

Obwohl „Bungalow“ natürlich einer der größten Hits des Jahres ist, haben wir uns hier für „Baba“ entschieden. Die Coolness, die „Magic Life“ mit seinen Falco Anspielungen, mit der überinszenierten Selbstdarstellung und seinen schillernden Gitarren Licks, wird hier in einem Schnittpunkt zusammengeführt, ohne sich zu überlagern. Es wirkt spielerisch leicht, was die Klosterschüler aus Österreich hier abliefern und ist allein textlich so clever überlegt, dass man die Sonnenbrille abnehmen muss und sich neidlos eingestehen kann, wer zurzeit im deutschen Pop dem Hans Hölzel auf den schmucken Fersen ist.

Frank Ocean – Chanel

Frank Ocean hat eine Vorliebe für versteckte Botschaften, für die inszenierte Unzuverlässigkeit seiner Aussagen und dafür umfassendes, klares Verstehen seiner Kunst zu erschweren oder gar unmöglich zu machen. Bei „Chanel“ begibt er sich wie schon des Öfteren in bipolare Strukturen, die ganz klar ersichtlich und hörbar umgesetzt werden, wenn er sowohl rappt als sing, die aber lyrisch, wenn er auf seine eigene Bisexualität verweist, in einer Zwischenform aus klaren Aussagen und schwammigen, umherwabernden Phrasen ausgedrückt wird. Schön zu sehen, dass Frank Ocean nach seinem 2016 erschienenen Album „Blonde“, immer noch keinen schlechten Song machen kann.

Arcade Fire – Everything Now

„ABBA, ABBA, ABBA!“ schrie es aus allen Ecken, als Arcade Fire ihren ersten Song, der gleichzeitig der Titeltrack des gerade erschienen Albums ist, veröffentlichten. Und wie schon beim letzten Album der Band um Win Butler und Régine Chassagne macht man schnell vermeintliche Schwächen und den damit einhergehenden ersten (!) wirklichen Fehltritt der Band aus. „Everything Now“ wird als Opener der kommenden Tour wahrscheinlich trotzdem den gleichen euphorischen Effekt erzeugen, wie „Ready To Start“ oder frühere Songs. Arcade Fire schaffen einen Song, der die positive Ekstase von „Funeral“, die über jedes Album zu findenden kritischen Texte, jetzt auf das Thema des Konsums ausgeweitet und die produktionstechnische Gangart von „Reflektor“ aufgreift, kombiniert und als Opener die einzelnen Bauteile des Albums vorab präsentiert.

The War On Drugs – Strangest Thing

Wie oben in kurzer Beschreibung zu „Pain“ angekündigt, findet sich auch „Strangest Thing“ in unserer Liste. Das fast sieben Minuten lange Stück baut sich langsam auf, hier und da ein paar Synthie Strings, Gitarren füllen im Hintergrund kurz angebunden auf, was Adam Granduciel durch seinen Gesang, der an Springsteen in seiner „Streets of Philadelphia“-Phase erinnert, vorgibt. „Strangest Thing“ folgt einem Prinzip, das The War On Drugs schon im ebenfalls dieses Jahr erschienenen „Thinking of a Place“ erprobt haben. Ein geduldiger Aufbau, schwelgend strukturiert, über den der eigentliche Teil des Songs chorusartig hereinbricht, ähnlich einer schleichenden Raubkatze, nur dass diese nach dem Absprung nicht zu fliegen beginnt. Die melodischen Weiten, die „Strangest Thing“ offenbart, die schiere Unzähmbarkeit sind selbst für The War On Drugs einzigartig.

Toro y Moi – Girl Like You

„Girl Like You“ ist langsames Tanzen, ohne darauf zu achten, welche Bewegungen Arme, Füße, Hände oder sonst was so unternehmen. Der Song ist naiv, einfach aufgebaut und in seiner Bedeutung klar. Es ist diese Reduktion, die Einfachheit, die Toro y Moi in seiner Synthie Ballade ausdrückt, die hauptsächlich von Travis Scott, Frank Ocean und Oneohtrix Point Never beeinflusst sein soll. Chaz Bear erzeugt eine Stimmung, die ihn selbst wie auch den Hörer ganz soft einnimmt und der es unmöglich ist, sich ohne ein Grinsen zu entziehen.

Texte von: David Klein

Auswahl von: Yannick Philippe & David Klein

Design: Yannick Philippe