Robyn // © Heji Shin

Dein Gesicht ist bis zu den Wangenknochen gefüllt mit Erkältungsschleim, draußen muss man von den Shorts auf den Schal umsteigen und die Deppen deiner Stadt feiern Halloween. Jap, es ist Oktober und absolut nichts ist geil an diesem gottverlassenen Monat. Oder etwa doch? Diese MusikerInnen sind in die regnerische Kälte des zweitgrößten Arschlochs des Kalenders nach seinem großen Bruder Februar aufgebrochen, um euch vor der einsetzenden Winterdepression zu bewahren.

Ben Howard – Another Friday Night

Obwohl erst dieses Jahr das dritte Studioalbum „Noonday Dream“ erschienen ist, veröffentlicht Ben Howard Anfang Oktober eine vier Songs-lange EP. Eher ungewöhnlich für den Briten, der eigentlich keinen wirklich eifrigen Output pflegt. Wen juckt das aber, wenn darauf wieder Songs zu finden sind, deren Texte so düster wie melodisch gleichzeitig klingen? Wenn Howard in “Another Friday Night” die Zeilen “Oh, looks like the end again, her Body bleaching out into the waves […] I wish I had all my friends somewhere drinking the sunny afternoon into oblivion” singt, erklingt tiefe Melancholie neben einer optimistischen Spur Pragmatismus. Als hätte sich jemand abgefunden mit dem, was da war, was da kommen mag, was den Verstand so bitterlich im Dunklen lässt. Ben Howard hat auch mit Noonday Dream nicht den kommerziellen Erfolg errungen, der ihm seit Every Kingdom vorausgesagt wurde. Die grüblerische Art des Surfers aus Hammersmith scheint immer noch nicht bei der größten Masse Anklang zu finden. Wenn das allerdings bedeutet, dass dabei weiterhin Songs wie “Another Friday Night” entstehen, kann uns das nur recht sein.

Robyn – Ever Again

Keine beherrscht die Melancholie des Genusses so wie Robyn. Mit ihrem achten Studioalbum „Honey“ lässt uns Robin Miriam Carlsson den Glauben an das eigene Sein zurückgewinnen. So erzählt sie in „Ever Again“ die Geschichte einer Trennung, die einen aber nicht in tausend Stücke zerreißen lässt. Robyn und Joseph Mount haben eine Hymne für den Engtanz mit dem eigenen Wohlbefinden geschaffen – irgendwo dort draußen in irgendeiner von diesen gottverdammten Indie-Diskos.

Denzel Himself – BE THERE ft. Jack Davey

Die Musik von Denzel Himself ist der Spiegel für die hässliche Fratze des Brexits. Mit seiner Gothic-Attitüde und dem wilden Soundmix aus Grime, Soul und Kraut-Elementen spricht er die Stimme der Vergessenen und ist längst zu einer Art Kult-Anführer geworden. Seinen Live-Shows wird nämlich eine ungreifbare Energie nachgesagt, die nicht selten in einem einzigen Moshpit endet. „BE THERE“ ist Teil der Double-A-Single BE THERE / HIGHER und das dazugehörige Video wurde von dem Künstler himself konzipiert.

Amilli – Maybe

18 Jahre, zwei Hits. Word. Das sind die Keyfacts mit denen man bei Amilli für Eindruck sorgen kann. Dabei braucht Amelie Flörke aus Bochum eigentlich gar keine Worte: sie überzeugt einfach mit ihrem einzigartigen Sound. „Maybe“ ist eine melancholische Art und Weise über eine Beziehung zu singen, die vor dem Ende zu stehen scheint. Amilli geht, getragen von lässigen Pop-Beats mit R’n’B-Anstrich, gestärkt aus der Situation heraus und trägt den Song mit vollem Selbstbewusstsein vor. Ob „Maybe“ Teil eines Debütalbums sein wird, beantwortet die Musikerin selbst am liebsten mit einem dicken „Maybe“.

The 1975 – Love It If We Made It

Ein Bilderrausch ist das Video zu “Love It If We Made It” geworden. Wie die Lyrics des Songs selbst, flackern und blitzen die Bilder in schnellen Sequenzen auf. Viel zu kurz gehalten ist das alles, um wirklich umfassend zu begreifen, was man da gerade sieht. Wie ein Facebook- oder Twitter- oder Instagram-Newsfeed quasi, in dem Clickbait-Headlines miteinander in atemloser Konkurrenz und kreischendem Spektakel um Aufmerksamkeit kämpfen. In dem die Ertrunkenen im Mittelmeer nicht mehr Menschen sind, sondern eine weitere unbeachtete Nachricht inmitten von Influencern auf Bali und dem eigenen so stumpf gewordenen Auffassungsvermögen. Matt Healy schreit knappe vier Minuten durch die Perversion unserer westlichen Gesellschaft und kann sich die Moderne gar nicht verzweifelt genug aus der Seele kotzen. Vielleicht der beste Song des neuen Albums “A Brief Inquiry Into Online Relationships”, das am 30. November erscheint.

P.A. Hülsenbeck – A Serpent of Velour

Im April diesen Jahres hat Philipp Hülsenbeck, der sich jetzt P.A. Hülsenbeck nennt, sein Debüt im Solo-Tanz gegeben. In der Leipziger Peterskirche ist das ehemalige Mitglied der besten Band, die jemals die schillerndste Weltstadt der Pfalz, nämlich Landau, verlassen hat, im Rahmen der Bells Echo III Performance aufgetreten. Die Rückkehr zur selbstgemachten Musik und die damit gelungene Verschmelzung seiner Tanzausbildung mit der Kunst seiner Jugend, sehen im Video zu “A Serpent of Velour” ganz schön gut aus. Hülsenbeck balanciert durch die Felsen einer kargen Felskette inmitten einer Waldlandschaft, während weiche Percussions und gezupfte Gitarren dem Ganzen die Wirkung eines Kunstfilms geben. Das Blau des Himmels über der menschenleeren Landschaft und die warme Sonne auf dem Hemd des Tänzers lassen diesen bei seinen Bewegungen so elegant aussehen, wie ihr euch fühlt, wenn ihr nach sechs eher erzwungenen Wodka-Mate zu “Love Will Tear Us Apart” über den Dancefloor einer Indie-Party gleitet. Nur, dass sich Hülsenbeck dafür nichts antrinken muss und ihr euch eure filigrane Performance im Suff einbildet.

Kali Uchis feat. Steve Lacy – Just A Stranger

Klar, Kali Uchis Album „Isolation“ ist im April erschienen und klar, ihr musikkennenden Mäuse wisst bereits seit einem halben Jahr, dass es zu den besten Veröffentlichungen des Jahres gehören wird. Wer das nicht weiß, schaut euch mal sofort die “Killer” Performance bei Colors an. Ist nämlich der Killer, aha. Und wo wir uns gerade, lacher-technisch, durch die unterste Erdschicht des Planeten der schlechten Witze bewegen, fällt uns auch schon die nächste Beschreibung für das neue Video zu “Just A Stranger” ein. Um es mit den Worten eines jeden NBA-Kommentatoren zu sagen: Es ist “Money Baby”. Nein, im Ernst, es ist ganz wahnsinnig cool, die Effekte sind mehr 90er als das Geburtsjahr der US-Kolumbianerin selbst und Steve Lacys Refrain ist lässiger als alles, was man sich von einem Video vorstellen könnte, in dem die Scheine durch die Gegend fliegen, wie Zugvögel im Herbst.

Parcels – Withorwithout

Du ziehst mit deinen vier Mates aus Australien in eine Wohnung nach Berlin, unterschreibst einen Plattenvertrag bei Kitsuné, Daft-Punk werden Fans deiner Band, wollen einen Song mit dir aufnehmen und für die Show zum Debütalbum sind Konzerte in London oder Paris bereits ausverkauft. Was könntest du denn eigentlich noch machen, um die globale Begeisterung für deinen wavy Sound und den schmucken Look noch mehr anzufachen? Naja, zum Beispiel ein sieben-minütiges Video mit niemand geringerem als Milla Jovovich drehen, in dem du und deine oben bereits erwähnten Aussie-Chaps in ihr Haus einbrechen, und kurzer Hand ihren Ehemann kalt machen. Gesagt getan, es läuft bei Parcels mehr als es an jedem Schnürchen dieser elenden Welt derzeit laufen könnte. Dass es allerdings ein eher fades Horror-Video mit nervigem Plot-Twist am Ende sein musste, bleibt Geschmackssache. Wir freuen uns immer noch jedes Mal wie zugezogene Anfang-Zwanziger in Berlin, die zum ersten Mal an Sven Marquardt vorbei gelassen werde, wenn wir die fünf Nasen von der Byron Bay live sehen dürfen.

Charlie XCX & Troye Sivan – 1999

Charli XCX steht der Rollkragenpullover besser als Steve Jobs, sie kann gleichzeitig Kate Winslet auf der Titanic sein und in der nächsten Szene im grünen Funkeln der Matrix die Trinity-Sonnenbrille tatsächlich tragen. Troye Sivan ist jede Schmalzlocke der Backstreet Boys, Justin Timberlake mit glänzendem Diamant im Ohr oder ein noch schmalhansigerer Verschnitt von Eminem, als der noch nicht mal wusste, wie man ein Feature mit einem 0815-Pop-Roboter überhaupt angehen sollte. “1999” macht nicht deswegen so viel Spaß, weil der Druck der Nostalgie einen an die ach so gute alte Zeit erinnert, sondern weil uns zwischen dem ganzen Trash schnell bewusst wird, wie lächerlich affektiert Popkultur doch aussehen kann. Nur um uns dann ganz schnell bemerken zu lassen, dass sich auch das nicht verbessert oder verschlechtert hat. Na gut, die Auflösung ist besser geworden, die Plattformen haben sich geändert. Das Gehabe und diejenigen, die genau dem hinterherrennen, sind geblieben. Und das macht immer noch ganz schön Laune.

Blood Orange – Chewing Gum (feat. A$AP Rocky and Project Pat)

A$AP Rocky gut finden gehört mittlerweile genau so zum guten Ton wie einen Lieblingsspäti zu haben oder wie Craft Beer aus Pokalen zu überteuerten Preisen zu saufen. Mit Coolness hat das leider wenig zu tun und so ist auch das aktuelle Album des Musikers leider ein wenig über das Ziel hinausgeschossen. Gut, dass ihm Blood Orange die Möglichkeit gegeben hat aus dieser Scheisslage wieder herauszukommen. Dev Hynes nimmt ihn im Video zu „Chewing Gum“ nämlich mit auf einen Ritt durch sandige Sphären – man könnte es Seele baumeln lassen nennen. 

Texte: David Klein & Yannick Philippe