Big Thief // © Michael Buishas

Das angehängte „F“ in U.F.O.F. steht für „Friend“. Und genau damit setzt sich die Band um Adrienne Lenker auf ihrem neuen Album auseinander: Freundschaft mit dem Unbekannten schließen. Big Thief glänzen dabei nicht nur mit einem delikaten Songwriting, sondern auch mit überraschenden musikalischen Arrangements und eindringlichen Vocals. U.F.O.F. erscheint am heutigen 3. Mai via 4AD / Beggars.

In 2016 veröffentlichten Big Thief ihr Debütalbum. Eher sarkastisch als „Masterpiece“ betitelt, schien die New-Yorker Band nicht damit gerechnet zu haben, große Aufmerksamkeit zu erregen. Dies kam jedoch anders. Seither können sich Big Thief vor Kritiker-Lob kaum noch retten und sind beinahe pausenlos auf Tour. Auf dem Nachfolger „Capacity“ bewiesen sie sogar noch größeres Geschick in puncto Songwriting. Mastermind Adrienne Lenker zeigt, dass sie in ihren Songs Geschichten erzählen kann, die sehr spezifisch, aber gleichzeitig universell gültig sind. Ein wenig reduzierter instrumentiert, aber nicht weniger tiefgründig, erschien letztes Jahr das erste Soloalbum der scheinbar ununterbrochen produzierenden Frontfrau.

Auf „U.F.O.F.“ wählte die Band einen kollaborativeren Ansatz, wobei sie den Großteil der Tracks gemeinsam entwickelte und live aufnahm. Dadurch, dass die Band nun schon so lange zusammen unterwegs ist, sind Adrianne Lenker, Buck Meek, Max Oleartchik und James Krivchenia perfekt aufeinander eingespielt. Einige Aufnahmen benötigten nicht mehr als ein Take, um im Kasten zu sein. Produziert und aufgenommen wurde das Album zusammen mit Dom Monks im Bear Creek Studio. Eine abgelegene, umgebaute Scheune, in der Nähe von Seattle, Washington. Diese Intimität, die dem Aufnahmeprozess Inne wohnte, ist auf „U.F.O.F.“ deutlich zu hören.

Trotz des kollaborativen Ansatzes ist das Album geprägt von Adrienne Lenker. Und das ist auch gut so. So wurden beispielsweise zwei Tracks („From“ & „Terminal Paradise“) ihres Solowerks „Abysskiss“ für das neue Big Thief Album neu aufgearbeitet. Musikalisch hebt sich „U.F.O.F.“ von den vorherigen Alben der Band ab. Vorher im Indie-Rock einzuordnen, finden sich Big Thief nun völlig im Folk-Rock, teilweise sogar im Freak-Folk wieder. Wie auch auf den vorherigen Alben, gibt es Momente, die den*die Hörer*in durch die plötzliche Änderung der Lautstärke und Instrumentation vom Hocker hauen. Zwar weniger häufig, dafür aber umso intensiver.

Einer dieser Momente findet zum Beispiel direkt im Opener „Contact“ statt. Wie in einigen anderen Tracks, entwirft Lenker auch hier eine Person, mit der sie sich unterhält. Jodi, wie auch die weiteren fiktiven Personen (Betsy, Caroline, Violet und Jenni) stehen alle für eine schwierig zu greifende Stimmung. Lenker nutzt diese Personifikationen, um sich mit ihren Themen auseinanderzusetzen. Das Gespräch mit Jodi endet in einem Schrei. Danach knallt einem eine Gitarrenexplosion um die Ohren, die unerwarteter nicht hätte kommen könnte.

Eine ähnlich grandiose Progression ist im gespenstischen „Jenni“ zu finden. Adrienne Lenker wird von Jenni´s Gegenwart nahezu zerissen. Sie weiß nicht wohin mit sich, es schnürt ihr die Kehle zu: „Too hot to breathe / Jenni’s in my room“. Erleichterung tritt ein, sie kann sie begleiten: „The portal forms / She calls me through“. Es folgt eine kurze Zäsur, Meek´s Gitarren werden prominenter und toben regelrecht.

Im Kontrast zum eher düsteren Grundton des Albums, gibt es jedoch auch Tracks, deren Sound eher uplifting ist. So zum Beispiel das beinahe dem Alt-Country zuzuordnende „Cattails“. Finger-gepickte, an Neil Young erinnernde Akustikgitarren begleiten Lenkers wunderbar brüchigen Vocals. Sie singt von dem wunderbaren Zusammenspiel zwischen Zivilisation und Natur: Eine Fahrt mit dem Zug durch die Landschaft oder das Erhaschen einer Sternschnuppe auf dem Parkplatz vor dem Motel in der Einöde. Sinnbildlich für diese Symbiose stehen für sie die Cattails, zu Deutsch „Rohrkolben“ (ernsthaft?). Diese sind nicht nur an abgelegenen Seen, irgendwo im nirgendwo, sondern auch in den Gewässern der Vorstadt zu finden.

Ein weiteres wiederkehrendes Thema auf „U.F.O.F.“ ist der endgültige Abschied. Auf „Orange“ besingt Lenker auf melancholisch schöne Art den unausweichlich nahenden Verlust einer Geliebten. Während im Hintergrund das Geheule von Hunden zu hören ist, realisiert sie: „Fragile is that I mourn her death / As our limbs are twisting in her bedroom.“ Nur eine einzige Gitarre begleitet sie bei diesen traurigen Gedanken. Auch auf „Open Desert“ beschäftigt sich Adrienne Lenker mit dem Tod. Aus der Ich-Perspektive beschreibt sie, wie sich eine Person auf die letzte Reise macht und im letzten Moment das Leben durch einen Türspalt erblickt: „The white light of the waiting room / Leaking through the crack in the door“.

Auf dem Titeltrack „U.F.O.F.“ beschreibt Adrienne Lenker den Grundgedanken des Albums. Seltsam und gleichzeitig wunderschön erzählt der Track von einer Alien-Entführung. Feine und gleichzeitig weird klingende Melodien auf der Akustikgitarre und klare Rhythmen geben den Ton an. Hier und da tauchen durch die Akkordfolgen in Kombination mit den eindringlichen Vocals Gedanken an Amnesiac-Era Radiohead auf.

Das UFO beschreibt das Andere, das Unbekannte und Unbewusste. Genau wie wir alle, hat Adrienne Lenker Angst davor. Doch versucht sie, anders damit umzugehen. Sie verharrt nicht in einer Starre oder flieht. Sie wählt die Annäherung und beginnt, sich mit dem Unbekannten anzufreunden. Auch, wenn das einiges an Courage verlangt, ist es sicherlich die klügere Variante.

Beste Songs: Contact, Cattails, Jenni
VÖ: 03.05.2019 // 4AD / Beggars

Hört hier den Titeltrack „U.F.O.F.“:

Fotos: Michael Buishas