Nilüfer Yanya // © Molly Daniel

Die Londoner Newcomerin verbindet auf ihrem Debütalbum „Miss Universe“ gekonnt Gitarrenpop mit Soul-, Jazz- und Garage-Rock-Einflüssen. Wir haben uns mit ihr im Taxi unterhalten.

Mit 12 Jahren fing Nilüfer Yanya an ihre Songs zu schreiben, mit 18 wurden ihre Demos auf Soundcloud entdeckt. Aufgewachsen in West-London mit türkisch-irisch-barbadischen Wurzeln und einem künstlerischen Elternhaus, wusste sie schon als Kind, dass sie Musik machen wollte. In den letzten drei Jahren veröffentlichte sie drei EPs und wurde unter anderem vom BBC für den „Sound of 2018“-Preis nominiert. Ihr Talent entging auch der Musikszene nicht. Größen wie Sharon Van Etten, Interpol, Mitski und The XX nahmen sie schon als Support auf ihre Touren mit. Heute erscheint ihr Debütalbum „Miss Universe“, in dem sie sich vor allem mit ihrer Anxiety, brüchigen Beziehungen, den wahnwitzigen Anfordungen der Gesellschaft und Selbstoptimierung auseiandersetzt. Musikalisch erinnert ihr Album mal an den Garage-Rock Courtney Barnetts, dann an den smoothen Soul Sades, während im nächsten Track schon Lo-Fi-Bedroom-Pop oder ein Jazz Jam warten.

Weil Nilüfer einen absolut vollgepackten Promotag in Berlin hatte, wurde unser interview kurzerhand in die Taxifahrt verlegt. Mit ihrer Gitarre im Kofferraum machten wir uns auf den Weg von Mitte nach Schöneberg und redeten unter anderem über ihr Debütalbum, Astrologie und ihr Kunstprojekt mit Geflüchteten.

Eines der allerersten Statements auf deinem Album ist „I often search for validation in others“ und ich denke, dass viele, auch ohne es wirklich zu wollen, sich da wiederfinden. Ist das ein Gefühl, dass dich durch das Album begleitet hat?

Schon ein bisschen. Das ist ja eher eine Sache, die man nicht so gerne zugibt. Du willst nicht sagen „In meinem Album geht es darum, deinen Wert durch andere validiert zu bekommen“. Aber am Ende ist es das. Vieles von dem, was ich tue und was auch sehr viele andere tun. Klar, freut man sich, wenn dir jemand sagt „Hey, ich mag das, was du machst“, aber es sollte nicht so sehr darauf ankommen.

Ich denke, besonders in Beziehungen machen wir das oft.

Ja! Auch in Freundschaften.

Ja, auf jeden Fall, in allen Arten von Beziehungen. Dein Album trägt ja den Titel „Miss Universe“ – Kannst du mir das Konzept hinter dem Titel erklären?

Ich mag den Titel wirklich gerne. Und mag, wie es nichts bedeutet, aber auf der anderen Seite auch sehr viel. Für mich ist es die Stimme unserer Gesellschaft und was wir denken, was wir tun sollten im Gegensatz zu dem, was uns gesagt wird, was wir tun sollten. Zum Beispiel die ganze Werbung, die uns umgibt und permanent sagt, wo und wie wir unser Geld ausgeben sollen.

Der allererste Track auf deinem Album ist ‚WWAY HEALTH ™‘. Man hört eine Stimme am Telefon eines fiktiven Gesundheitsunternehmens. Was bietet uns diese Firma da an?

Sie bieten dir ein fertiges Package an, eine Lösung für quasi all deine Probleme – es macht dich stärker, gesünder, fitter, reicher und auch glücklicher. Es ist ein Witz, was verschiedene Unternehmen versprechen dir zu geben, wenn sie es aber eigentlich gar nicht tun können – oder eben zu einem großen Preis. Und was sie am Ende dann tun, ist dich zu kontrollieren, deinen Körper oder eben all deine Gedanken.

Du wurdest letztes Jahr vom BBC nominiert für den „Sound of 2018“. Ist es so, dass sich dann auf einmal einiges ändert oder stellt man sich das nur so vor bei so einer großen Nominierung?

Ich glaube nicht, viele Leute in Europa meinten „Du wurdest nominiert, wie gut!“. Aber ich kannte die Verleihung vorher noch nichtmal und es ist nicht so, dass ich speziell darauf hingearbeitet habe. Und die meisten Artists, die gewinnen, sind eh schon sehr bekannt. Ich weiß auch nicht, was sich noch groß für sie ändern würde, weil alle sie ja schon kennen. Aber die Idee der Nominierung an sich ist cool, um neue Leute zu supporten.

Eine Frage, die dir wahrscheinlich schon oft gestellt wurde – Du hast dich zweimal in London an einer Musikhochschule für Popular Music beworben und sie haben dich nicht genommen. Hat dir das am Ende geholfen deinen eigenen Weg zu finden?

Ich wollte eigentlich gar nicht zur Uni gehen. Ich wusste, ich muss mich zumindest bewerben, sonst hätten meine Eltern mich gefragt „Warum hast du dich nicht beworben oder es noch nichtmal versucht?“. Also musste ich ihnen zeigen, dass ich es versuche. Es war mehr der Druck.

Ich habe mir dein Album „Miss Universe“ angehört und finde and einigen Stellen hört man einen sehr starken Jazzeinfluss. Die meisten unserer Generation sind ja eher mit Gitarrenmusik großgeworden, aber mit Jazz ist es ein bisschen anders – Wie kamst du dazu?

Es kommt gerade wieder, vor allem in London. Alle hören gerade Jazz und durch Jazz inspirierte Musik. Und es hat gerade einen großen Einfluss auf die Musikszene.

Denkst du die Londoner Musikszene macht Jazz gerade wieder für ein größeres Publikum populär?

Das hoffe ich, ja! Was wahrscheinlich passiert ist, dass die Leute Musik hören, die von Jazz inspiriert wurde und dann Lust bekommen sich mehr Jazz anzuhören und zu schauen, wo der Einfluss jetzt gerade eigentlich herkommt. Es gibt so viele Musikrichtungen die ihre Wurzeln im Jazz haben oder davon inspiriert wurden, also geht es auch gerade darum wieder die Anfänge von Pop-Musik zu ergründen.

Ich habe gelesen, dass du deine ersten Songs geschrieben hast, als du 12 Jahre alt warst. Wie haben die sich angehört und vor allem, worum haben sich die Lyrics gedreht?

Das kann ich dir nicht sagen (lacht). Eigentlich ganz normale Themen, von wegen „Ich bin nicht cool, aber will es sein“. Ich wollte einfach gerne ausgefallener sein und mochte nie den Gedanken gewöhnlich rüberzukommen.

Würdest du mal wieder einen Song aus der Zeit spielen?

Nein, aber „Monsters Under The Bed“ ist auf dem Album. Den Song habe ich mit 15 geschrieben und das ist ja schon sehr nah an 12 dran (lacht).

Ich habe auch gelesen, dass du zusammen mit deiner Schwester das Kunstprojekt „Artists in Transit“ mit Geflüchteten in Griechenland gestartet hast. Findest du da im Moment eigentlich noch die Zeit dazu mitzuarbeiten?

Ja, gerade arbeiten wir mit einigen Freund*innen zusammen und sind jetzt eine kleine Gruppe geworden. Wir haben Treffen, bei denen wir besprechen, was noch zu tun ist und wie wir mit anderen Leuten aus unserer Community in London zusammenarbeiten können. Wir planen auch gerade Workshops an anderen Orten. Und auch, wenn ich manchmal nicht mitgehen kann wie nächste Woche zum Beispiel, werde ich immer noch mindestens einmal im Jahr mit nach Griechenland fahren und mitarbeiten. Es trotzdem immer Sachen, die man zwischendurch tun und um zu helfen, solange man einfach nur engagiert bleibt. Nur weil ich nicht sehr viel Zeit habe, heißt das nicht, dass ich nichts tun kann. Nur bei den Treffen dazusein, bringt schon viel.

Wann und wie kam die Idee für das Projekt zu euch?

Es war die Idee meiner Schwester und ich habe dann beschlossen mitzumachen, weil ich die Idee sehr toll fand und bin jetzt auch echt froh, dass sie die Sache ins Leben gerufen hat.

In einem Interview mit Pitchfork von 2017 warst du gerade dabei den Auszug aus der Wohnung deiner Eltern zu planen. Wie schwierig ist es in London Wohnraum zu finden? Gerade unter dem großen Problempunkt Gentrifizierung und Kosten?

Es ist sehr schwierig, deswegen habe ich auch so lange dafür gebraucht. Ich musste lange auf die richtige Wohnung warten und ich hatte schon sehr viel Glück, weil ich ja schon in London gewohnt habe. Es ist echt hart für die Leute, die keine Wahl haben, weil sie für das Studium hinziehen und es ist sehr, sehr teuer. Was schlimm ist, weil „normale“ Leute so nicht in London bleiben können. Sehr viele sind deswegen ja auch schon gegangen und es gibt nicht mehr genug normale Leute, die in London leben, weil sie schon lange rausgekickt wurden. Das ändert eine Stadt komplett, weil es dadurch nicht mehr wirklich ein Ort zum Leben, sondern nur noch ein Ort zum Arbeiten wird.

In deinem Video zu „Thanks 4 Nothing“ von deiner letzten EP sitzt du auf einem Bett und legst dir die Tarotkarten. Machst du das auch gerne in deiner Freizeit?

(Schmunzelt) Nicht wirklich, naja, vielleicht ein bisschen. Es macht Spaß über Dinge wie Tarot oder Sternzeichen zu reden. Es ist einfach eine andere Herangehensweise über Dinge nachzudenken. Es geht ja auch viel um kreatives Denken.

Besonders Astrologie ist ja ziemlich beliebt geworden mittlerweile. Was ist dein Sternzeichen?

Ich glaube ich bin Stier im Sonnenzeichen und Löwe im Aszedenten. Das muss ich nochmal genau nachschauen.

Passt es zu deinem Charakter?

Manches schon, ja! Ich kann ziemlich eigensinnig und hartnäckig sein und bin sehr emotional.

Deine beiden Eltern haben ja einen sehr künstlerischen Background und sind beide in der Bildenden Kunst tätig. Ist das eigentlich ein Vorteil, wenn man etwas Kreatives tun will oder hemmt es einen eher, weil der Erwartungsdruck an sich selber durch die Messlatte der Familie schon so hoch gelegt ist?

Ich denke, es ist anders als in anderen Berufen. Wenn meine Eltern jetzt Wissenschaftler wären und sie wären sehr gut darin und ich würde das Gleiche wollen, dann wäre da wahrscheinlich sehr viel Druck für mich da. Mit Kunst ist eher so, dass so viele denken, es geht darum gut zu sein. Dabei steckt einfach sehr viel Arbeit dahinter. Ich habe meine Eltern immer arbeiten gesehen, ihr ganzes Leben. Und so habe ich auch verstanden, dass es das ist, was du tun musst, um „gute Kunst“ machen zu können. Es ist nicht so, dass du einfach mal so ein tolles Kunstwerk erschaffst, sondern man muss so viel Zeit investieren. Das zu lernen, hat mir aber auch geholfen mich auf meine Musik zu konzentrieren. Als ich Gitarre spielen wollte, wusste ich, dass ich das alles machen kann. Alles was ich tun musste, ist zu lernen wie man spielt.

Jetzt gerade sitzen wir in einem Taxi, was ja schon eine witzige Interviewsituation ist. Hattest du jemals eine merkwürdige oder interessante Taxifahrt, die dir im Gedächtnis geblieben ist?

Ja, es war wirklich spätnachts und ich war in den Niederlanden auf dem Eurosonic Festival. Wir hatten einen echt langen Tag hinter uns. Mein Manager musste zum Flughafen, also haben wir ein Taxi bestellt. Ich hatte einen Zettel mit der Adresse vom Hotel, meine Band war schon dort und mein Manager stieg am Flughafen aus. Dann war ich allein im Taxi und der Fahrer fuhr mich zur Adresse. Auf dem Weg dahin war absolut nichts und niemand unterwegs und ich dachte okay, ich werde sterben, der Fahrer wird mich umbringen. Ich konnte absolut niemanden sehen und geriet ein bisschen in Panik. Dann kam ich am Hotel an, aber es war das falsche. Mir wurde irgendwie die falsche Adresse gegeben. Der Mann an der Rezeption hat mich dann bei einem anderen Hotel anrufen lassen, von wegen „Das ist wahrscheinlich das richtige“. Der Ort war absolut verlassen, also musste ich mit einem Sicherheitspersonal und Sicherheitshund zum eigentlichen Hotel laufen. Es war alles schlammig, ich hatte meine Tasche und meine Gitarre mit und es war kalt. Das war einfach schrecklich. Ich bin alleine, mitten in der Nacht in den Niederlanden mit diesem Hund rumgelaufen.

Welche Künstler*innen inspirieren dich zur Zeit? Hast du Musiktipps für uns?

MorMor – Kennst du ihn?

Ja, ich liebe seinen Song „Heaven’s Only Wishful“!

Ja, das ist ein toller Song! Ich höre auch gerade viel Mount Kimbie. Die Musik ist schon etwas älter, aber ich habe sie jetzt gerade entdeckt. Oder Tirzah. Sie ist sehr cool, hör dir ihr Album an! Es ist sehr elektronisch beeinflusst.

 

Hier könnt ihr Nilüfer Yanyas aktuelles Video anschauen:

Erstes Foto: Molly Daniel
Zweites Foto: Hollie Fernando
Design: Yannick Philippe