Das Paradies // © Marco Sensche

Hinter das Paradies steckt Florian Sievers. In Mannheim leitete er nach einigen Festivalterminen und Supportshows für Element of Crime nun seine eigene Tour zum Debüt-Album „Goldene Zukunft“ ein. Vor seinem Auftritt erzählte er uns, was er an Konzerten besonders schätzt und welche wertvollen Tipps er von Sven Regener bekommt.

Die Platte „Goldene Zukunft“ erschien vergangenen Monat und ist das Ergebnis seiner ungeplanten Gehversuche, in seiner Muttersprache zu texten. Bei Talking to Turtles, seiner Band mit Claudia Göhler, tat er dies bisher in Englisch. Mit dem Soloprojekt das Paradies überrascht Florian Sievers mit schönen Sprachbildern und Melancholie, die trotzdem eine phantastische Euphorie in sich trägt.

Hier geht’s zur Review seines Albums „Goldene Zukunft“

Die Songs sind so bunt, wie das Cover selbst: Von Giraffen, die sich strecken über Discoscooter und den großen Fragen des Lebens, die nicht einmal das Universum zu beantworten weiß. Der Blick auf die Welt, wie sie Sievers in seine Texte packt ist so absurd schön, dass man sich trotzdem oder gerade deshalb so verstanden und fast schon aufgehoben fühlt beim Hören seiner Platte. Grund dafür geben so Zeilen wie „Sind das da drüben wirklich Windkraft- oder Erdantriebspropeller?“, die einen wortwörtlich ein bisschen durch andere Augen schauen lassen. So ist es nicht verwunderlich, dass Themen wie Sicherheit und Unsicherheit großen Raum gelassen werden. Mit Florian Sievers sprachen wir auch darüber und ob bei den Bildern, die er verwendet, die gewählte Sprache eine Rolle spielt.

 

„Goldene Zukunft“ entstand ungeplant und spontan aus Experimentierfreunde in der aktuellen Pause deiner Duo-Band Talking to Turtles. Wie fühlt es sich an, dass daraus ein ganzes Album entstand und jetzt die Tour ansteht?

Das fühlt sich total gut an, wenn was ungeplant passiert. Das finde ich generell eine gute Sache. Die Bandpause von Talking to Turtles muss nun leider etwas länger dauern, was aber auch okay ist. Die Lust ist zwar da aber die Zeit nicht so wirklich. Das liegt hauptsächlich aber gerade an das Paradies und das ist ein guter Grund.

Wie golden sieht die Zukunft des Soloprojekts aus? Ist ein zweites Album denkbar?

Ich habe auf jeden Fall große Lust, neue Lieder zu schreiben und muss nur gucken wann. Sven Regener sagte öfter die Ansage auf der Bühne: „Keine neuen Lieder, bevor die alten nicht aufgebraucht sind.“ Mal gucken, wann ich das Gefühl habe, dass die alten Lieder aufgebraucht sind.

Gibt es einen Unterschied zwischen der Stimmung, wenn du mit Talking to Turtles ein Konzert spielst und jetzt mit das Paradies?

Schwierig zu sagen. Vielleicht ist die Musik von Talking to Turtles etwas langsamer und ruhiger. Daher ist es bei Paradies Konzerten eventuell ein bisschen euphorischer oder positivere Stimmung – wobei es das nicht ganz trifft. Es herrscht ja keine negative Stimmung bei Talking to Turtles Konzerten. Es ist vielleicht auch gleich. Ich kann ehrlich gesagt nicht sagen, ob überhaupt ein Unterschied besteht.

Wenn du nur noch in einer Sprache Songs verfassen dürftest, welche wäre das und warum?

Da möchte ich mich nicht entscheiden. Zum Glück muss ich mich da auch nicht entscheiden, weil mir beides auch gerade total Spaß macht. Zwei verschiedene Spielwiesen und das finde ich ganz schön und doch ist beides am Ende irgendwie das Gleiche.

„Wenn wir wollen, trauen wir dem Dürfen nicht. […] und wenn wir uns trauen, trauen wir dem Wollen nicht.“, heißt es in einem deiner Songs. Wann warst du zuletzt mutig und spielte Mut beim Veröffentlichen deines Soloprojekts eine Rolle?

Ich glaube mutig muss man sein, wenn man ein neues Lied hat und man sich überlegen muss, ob man das jemanden zeigt. Da habe ich aber relativ viel Glück, auch bei den ersten Paradies Lieder: Mit Claudia von Talking to Turtles habe ich jemand, die zumindest immer die erste Hörerin von Ideen ist und ich mich trauen kann, etwas zu zeigen. Meistens weiß ich auch schon ohne, dass ein Wort dazu gefallen ist, wie das Urteil ausfällt.

„Du füllst dein Nicken in Flaschen ab und schüttelst“ ist eines von vielen Sprachspielen, die man auf „Goldene Zukunft“ findet. Was macht das Jonglieren mit Worten für dich so attraktiv und spielt die jeweils gewählte Sprache eine Rolle?

Also die gewählte Sprache ist für mich, wie eben schon gesagt, fast das Gleiche, ob man auf Englisch oder auf Deutsch versucht ein Lied zu schreiben. Der einzige Unterschied ist vielleicht die Größe des Vokabulars, die man verwendet, wenn man in der Muttersprache singt oder versucht, sich etwas auszudenken. Da hat man vielleicht doch mehr Spielraum im Deutschen, weil das meine Muttersprache ist. Zwar war Englisch vorher immer meine Singsprache, aber trotzdem bin ich im Englischen dann doch beschränkter mit engerem Vokabelrahmen. Aber irgendwie geht’s dann trotzdem immer.

Sicherheit aber auch Unsicherheit sind Themen deiner Platte. Wo findest du Sicherheit und zählt das künstlerische Schaffen und das Verpacken eben jener Themen zu diesem Gefühl?

Ich glaube, die Situation in der ich mir ein Lied ausdenke und überlege, wie das klingen kann und es anfange aufzunehmen, ist ein ganz schöner Moment in dem man unsicher und gleichzeitig aber auch relativ sicher ist. Das ist ganz komisch: Wie ein Ort, an dem man sich zurückzieht und man ungefähr weiß, wo alles liegt aber selber nicht genau weiß, was man damit anstellen soll. Das ist eine schöne Mischung aus sich okay fühlen aber auch angenehm orientierungslos sein. Das finde ich ganz gut.

Vergangene Woche warst du auf dem Reeperbahn Festival und am Sonntag folgt ein Gig auf dem Way Back When. Was macht dir mehr Spaß: Festivals oder Clubtermine?

Generell erstmal spielen ist super! So ein Konzert ist theoretisch der Moment, an dem man eine Rückmeldung bekommt, was man da tut. Mittlerweile gibt es aber ja seit vielen Jahren Social Media, wo man Lob oder Abweisung erfährt. Aber unabhängig von Festival oder Clubkonzert finde ich es eine gute Sache, mit Leuten zusammenzukommen, die potentiell Interesse an der Musik haben und denen das etwas sagt, was man sich selbst zusammengereimt hat. Club ist schon schön, weil es so ein abgeschlossener Raum ist, in dem man Leute einlädt und dann zusammen in diesem Raum ist. Bei Festivals sind Zelte eine ähnliche Situation. Aber auf einer Festivalbühne stehen, wenn die Sonne scheint, ist auch toll. Generell finde ich die Situation gut, wenn man mit Leuten zusammenkommt, die potentiell die Musik mögen könnten. Beides toll.

Stichwort Festivals: Wirst du dir andere Künstler und Künstlerinnen ansehen können und wenn ja, welche?

Leider ist es tatsächlich so, dass man weniger schafft anzugucken, als man möchte. Man ist ja in einer relativ privilegierten Situation, wenn man als Band auf dem Festival spielt, weil man im Backstage ist und man sich tolle Bands sehr nah anschauen kann. Aber man ist nicht nur zum Spaß da und hat selbst eine Aufgabe und schafft deshalb aus verschiedenen Gründen selbst nicht, so viel zu sehen. Wenn wir am Sonntag auf dem Way Back When Festival spielen, wollte ich mir aber ein paar Sachen angucken. Selah Sue finde ich ganz interessant und Michael Nau wurde mir kürzlich empfohlen. Das finde ich auch ganz schön. Die Höchste Eisenbahn spielt ja auch, da kann man mal Hallo sagen. Das ist ja das Schöne, sich mit Leuten zu treffen.

Worauf freust du dich am meisten, wenn du an deine eigene Tour denkst?

Echt das, was ich eben schon gesagt habe: Ich freue mich abseits von dem digitalen Feedback zu dem, was man macht, dass man an einen Ort kommt, seine Instrumente aufbaut und sich darauf freut, dass Leute kommen und einem zuhören. Klingt nach etwas Banalem, ist halt ein Konzert, ist eine Band, kommen Leute hin und hören sich das an. Irgendwie ist da ja was Tolles daran – ist ja nicht normal, wenn jemand sagt, ich kaufe mir Tickets für ein Konzert und hab Bock dort hinzugehen. Da stellt man sich dann vor Leute und spielt denen Lieder vor. Wenn ich das so sage, klingt das wahnsinnig banal, aber das ist einfach toll! Manchmal denkt man, das ist ja nur die Tour vor der nächsten Tour und wir sind ja bald wieder in Hamburg oder bald wieder in Mannheim, ein Konzert von vielen. Aber irgendwie ist das auch nicht so. Im Dezember spielen wir zum Beispiel 10 Tage am Stück. Da kommen wir in Städte, in denen wir dann erst wieder ein oder eineinhalb Jahre später sind. Ich finde aber echt den vermeintlich banalen Aspekt toll, dass Leute da sind und sich die Musik anhören.

Dein Album „Goldene Zukunft“ trägt die Farben der Blätter vom Herbst im Titel. Siehst du dein Album als Soundtrack, der den Sommer verabschiedet?

Das ist interessant und darüber habe ich so noch nicht nachgedacht: Vielleicht. Im besten Fall ist es aber auch ein Album für das ganze Jahr, aber das weiß ich nicht so genau. Zumindest ist es am Ende des Sommers veröffentlicht worden und im Herbst und Winter werden die Konzerte gespielt und dann ist es das vielleicht tatsächlich erstmal für den Moment. Aber im Sommer hat es auch Spaß gemacht auf Festivals, von daher. Aber vielleicht ist es ein bisschen so.

Das Paradies live:

27.10. 18 – Magdeburg – Moritzhof
28.10.
 18 – Regensburg – Alte Mälzerei
30.10.
 18 – Leipzig – Ilses Erika
01.12.
 18 – Rostock – Peter-Weiss-Haus
03.12.
 18 – Berlin – Lido
05.12.
 18 – Wiesbaden – Schlachthof
06.12.
 18 – Stuttgart – Merlin
07.12.
 18 – München – Milla
08.12.
 18 – Erfurt – Franz Mehlhose

Seht hier das Video „Ein schönes Unentschieden“ von das Paradies: