This Is Not A Love Song Festival 2014

30.05.2014 Paloma/Nîmes, Frankreich

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Während sich in Barcelona beim Primavera Sound die Indie-Superstars die Klinke in die Hand geben und zuhause kleinere Festivals wie das Maifeld Derby und das Maischwärmer Festival stattfinden, kommt endlich etwas Leben ins französische Nîmes. Die Stadt, die in etwa die Größe Heidelbergs hat, beherbergte am Wochenende 43 Bands und Solokünstler auf dem zweiten This Is Not A Love Song Festival im und ums Paloma. Das TINALS (kaum ein Franzose konnte den vollen Namen des Festivals aussprechen) bietet vor allem Indie-Rock, -Pop und -Folk, doch man findet von Post-Punk bis Hip-Hop und Electro alles Artverwandte. Es ist ein mittelgroßes Festival – drei Tage, drei Bühnen, aber kein Camping und Programm erst ab 18:30 Uhr – und ich hatte das Glück, von meiner Mitbewohnerin einen Festivaltag geschenkt zu bekommen. Deshalb teile ich hier nun in einer XXL-Live-Review meine Eindrücke dieses heiteren Freitags mit euch.

Den Anfang machen Wooden Shjips, die am noch kostenlosen Nachmittag den Stimmungsschalter für den Tag auf „Entspannung“ stellen. Die Psychedelic Rocker spielen auf der Outdoor Stage vor kleinem Publikum, die meisten Besucher erkunden noch die Workshops und Stände oder braten in der Sonne. Wenn man sich auf die Wiese legt und die Augen schließt, kann man sich glatt vorstellen, ein Hippie auf Woodstock zu sein. Danach betritt Courtney Barnett die Bühne. Alleine mit ihrer Gitarre wirkt die junge Australierin etwas verloren – ihr Schlagzeuger hatte seinen Pass vergessen und saß in London fest; Barnett entschied sich deshalb, eine Auswahl ihrer bluesigeren Songs solo zu spielen. Mehr als die erdige Gitarre und ihren trockenen Gesang braucht es aber auch nicht, um Songs wie „History Eraser“ oder „Lance Jr.“ eindrucksvoll rüberzubringen. Wie ein weiblicher Bob Dylan spielt Courtney Barnett ein wunderbar intimes Set, ihre Unsicherheit merkt man ihr nur während der Songansagen an. Der dreiviertelstündige Nachmittagsslot hat genau die richtige Länge, ohne Backing Band liefe ein längeres Set die Gefahr, zu monoton zu werden. Mit dem tollen „Avant Gardener“ als Abschluss ist Courtney Barnett jedoch ein frühes Highlight. Bevor die Konzerte auf den Bühnen im Innenraum starten, geben sich noch die Indie-Urgesteine von Superchunk die Ehre. Die Mischung aus alten und neuen Songs überzeugt allerdings nicht so recht, die Band hat sichtlich mehr Spaß als die Zuschauer.

Eine hyperaktive Cartoon-Show: Meridian Brothers

Die erste Band des Abendprogramms ist Midlake. Der Folk Rock der sechs Texaner schlägt mit interessanten Basslinien und für Folk-Verhältnisse elaboriertem Drumming wiederholt in die Prog Rock Kerbe. An anderer Stelle wird es rauer, fast schon shoegazig. Trotzdem der Gitarrist sein Wah-Wah-Pedal etwas zu sehr in Anspruch nimmt, ist das Konzert ein guter Einstieg in den Abend. Draußen motiviert derweil Findlay aus England die Menge mit ihrem aggressiven Alternative Rock. Im rot-weißen Hosenanzug springt sie über die Bühne und greift auch mal selbst zur Gitarre. Lediglich der übereifrige Schlagzeuger nervt etwas. Aber gut, Findlays Musik soll aufwecken und animieren, und das tut sie allemal.

Den Preis für die lustigste Band gewinnen mit Abstand die Meridian Brothers. Als ich den kleinen Saal betrete, läuft bereits das erste Lied, dessen Refrain aus einem wiederholten „No tengo pantalon!“ besteht. Alles ist schief und aus dem Takt, eine verrückte Cartoonshow voll Getröte und Gequietsche. Die Meridian Brothers sind das Soloprojekt des Kolumbianers Eblis Álvarez, der sich für seinen experimentellen Weirdo-Latino eine fünfköpfige Live-Band bestehend aus Bass, Drums, Keyboard Soundguy und Multi-Instrumentalistin María Valencia zugelegt hat. Mit Álvarez‘ Gefrickel und mal runter-, mal heliumhoch-gepitchter Stimme ergibt das eine hyperaktive Mischung. Man beginnt sich zu fragen, ob hinter den Shreds-Videos nicht in Wirklichkeit die Meridian Brothers stecken. Wie man sowas über 45 Minuten durchziehen kann, ohne die Zuschauer zu vergraulen? Der Trick ist, dass der karnevaleske Latin bei aller Verrücktheit unglaublich tanzbar ist – nach den ersten zehn Schreckminuten zappelt der ganze Saal. Der vorletzte Song legt nochmal eins drauf: ein „Purple Haze“ Cover, das mit Jimi Hendrix in etwa soviel zu tun hat wie ein Zirkusclown. Obwohl der wenigstens noch die gleiche Frisur trägt. Meridian Brothers sind mein persönlicher Höhepunkt dieses Freitags.

Drei Tage, drei Stimmungen, drei mal drei gratis Konzerte

Das TINALS sticht ein bisschen hervor unter den Festivals, die ich bisher besucht habe. Während es inzwischen immer häufiger kostenlose Konzerte am Vorabend gibt (siehe Primavera Sound oder das Appletree Garden Festival), bietet das TINALS ganze drei Nachmittage, das heißt neun Bands und die Workshops, umsonst an. Bei den Bands handelt es sich auch nicht nur um kleine, lokale Bands: neben den oben erwähnten Acts vom Freitag dürften auch Speedy Ortiz und die Temples mittlerweile nicht mehr nur den Pitchfork-Lesern bekannt sein. Während des Nachmittags im Open Air Bereich darf man außerdem sein eigenes Essen und sogar alkoholische Getränke mitbringen; als um 18 Uhr die zahlenden Besucher ins Paloma-Gebäude gescheucht werden, wird allerdings kontrolliert und aussortiert. Die Acts sind mehr oder weniger nach Genre auf die drei Tage verteilt: Der Donnerstag ist mit The Fall, The Brian Jonestown Massacre und Lee Ranaldo auf Rock gepolt; am Freitag dominieren ruhigere, folkigere Acts, während sich der Samstag mit The Glitch Mob, Sky Ferreira und Fatima Al Qadiri in Richtung Pop und Electro bewegt. Die einzelnen Konzerte sind zwischen 45 und 60 Minuten lang.

Nach der ersten Konzertwelle des Abends tritt nun jene Band auf, die wahrscheinlich am gespanntesten erwartet wurde. Die seit einem Jahr wiedervereinten Neutral Milk Hotel werden vom TINALS als die Definition einer Kultband vorgestellt – nach einer EP und zwei Alben lösten sich Jeff Mangum und Co. auf, seitdem wird „In the Aeroplane Over the Sea“ von Fans und Kritikern als Meisterwerk gefeiert. Ihr Auftritt enttäuscht nicht: Mit einer großen Auswahl an Instrumenten, die die übliche Gitarre-Bass-Schlagzeug-Struktur ergänzen (Akkordeon, Blechbläser und singende Säge, um nur einige zu nennen), spielen sie ihre alten Songs mit viel Energie. Das Konzert macht deutlich, warum sich Bands wie Arcade Fire, Beirut und Crippled Black Phoenix von Neutral Milk Hotel inspirieren lassen. Als Mangum für „Oh Comely“ alleine mit Akustikgitarre auf der Bühne steht, bekommt man einen Anflug von Gänsehaut, die sich beim epischen Endteil mit Band noch verstärkt. So macht man gute Reunion-Shows! Gleichzeitig spielt im kleinen Saal der Banhart’sche Rodrigo Amarante, den ich durch die Überschneidung leider verpasse. Den brasilianischen Folk-Songwriter sollte man aber unbedingt mal auschecken. Stattdessen bleibt noch ein bisschen Zeit für Earl Sweatshirt, den kleinen Odd Future-Bruder von Tyler, the Creator. Der hatte es aufgrund seines Slots zwischen Neutral Milk Hotel und Cat Power sowie der Tatsache, dass er draußen vor den auf Entspannung eingestellten Festivalbesuchern eine Hip Hop Show abliefern musste, gleich doppelt schwer. Von den meisten erfährt er heute nur irritierte Blicke – ein leidiger Fall von „Zur falschen Zeit am falschen Ort“.

Cat Power kämpft mit dem Sound – Ty Segall zündet die Konfettikanone

Headliner mit Soundproblem: Cat Power // © Stefano Giovannini
Headliner mit Soundproblem: Cat Power // © Stefano Giovannini

Headliner des Tages ist die Sadcore Queen und aktueller Indie Darling Cat Power. Wie Courtney Barnett ist auch sie allein mit ihrer Gitarre, jedoch geplant: Nach sieben Jahren ist sie wieder solo auf Tournee. Chan Marshall spielt einen Song nach dem andern, ohne eine Pause zu machen. Erst als sie sich für „The Greatest“, „I Don’t Blame You“ und drei weitere Songs ans Klavier setzt, gönnt sie sich und den Fans etwas Luft. Doch nicht nur aufgrund ihrer Songs ist es ein trauriger Auftritt. Schon als sie die Bühne betritt, wirkt sie angespannt. Bei jedem Song gestikuliert sie in Richtung des Soundtechnikers, sie hat Probleme, sich selbst zu hören. Dem kann der Soundmann auch mit Hilfe eines weiteren Technikers nicht Abhilfe schaffen, sie verspielt sich wiederholt und wird immer genervter. „I can hear you talking“, ruft sie den Technikern zu, während sie versucht, ihr Set zu retten. Am Ende ist Chan Marshall so frustriert, dass ihr die Tränen kommen und sie das Konzert eine Viertelstunde vor Schluss abbricht. Sie entschuldigt sich mehrmals bei den Zuschauern, die sie bei jedem Verspieler und Schluchzer jubelnd unterstützt haben. Es ist verdammt schade, dass die große Cat Power so mit dem Sound zu kämpfen hat, dass sie ihr Konzert nicht zu Ende bringen kann. Doch auch so merkt man, was für eine eindrucksvolle Musikerin Chan Marshall ist. Trotz allem ist es eines der besten Konzerte des Abends.

Eine weitere Band, von der ich leider nicht berichten kann, sind die Briten von Jungle, die gleichzeitig mit Cat Power spielten. Deren funkiger Pop wäre ein interessanter Kontrast zu den restlichen Konzerten gewesen. Während die Massen noch konsterniert von Cat Powers Auftritt nach draußen strömen, haben die Black Lips bereits losgelegt. Der Garage Rock der Amerikaner ist live nichts Außergewöhnliches, nichtsdestoweniger spielen sie ein durchaus anhörbares, solides Set. Har Mar Superstar fällt mit seinem Soul Pop dann wieder dem Schatten einer größeren Band zum Opfer: Ty Segall ist für die meisten zu diesem Zeitpunkt attraktiver. Zum Abschluss bietet der nämlich nochmal eine ordentliche Ladung Fuzz. Begleitet von Charles Moothart, Emily Epstein und Mikal Cronin, rast der überproduktive Kalifornier (zwölf Alben in sechs Jahren) durch seine noisigen Garage Rock Songs. Bei soviel Material ist egal, was er spielt, Hauptsache, es ist schnell und laut. Er amüsiert sich prächtig und der Fuzz-Funke springt direkt aufs Publikum über. Alles ist in Bewegung, Bierbecher fliegen inklusive Inhalt durch die Luft und tatsächlich: Es gibt sogar noch Crowdsurfer auf diesem doch eher gemäßigten Festival! Als bei der Zugabe dann noch die Konfettikanone den großen Saal in eine große Party verwandelt, ist der Abend perfekt. Ty Segall beschert den französischen wie internationalen Festivalbesuchern ein Finale furioso. Während sie sich gemächlich auf den Heimweg machen, klingt der lange Freitag dann mit fadem, funktionalem Londoner Techno aus. Mehr als diese beiden Adjektive gibt es zu Daniel Averys Auftritt nicht zu sagen.

Fazit

Das TINALS ist alles in allem ein schönes Festival. Man kann es sich von der Größe in etwa wie das Maifeld Derby vorstellen, das Line-Up bietet bekannte wie auch unbekanntere, aber nicht minder interessante Bands. Von ein paar kleineren Ungereimtheiten abgesehen – ein Merchstand, der immer nur das Merch von den gerade spielenden Bands anbietet; das Chaos, das entsteht, wenn die zahlenden von den nicht-zahlenden Besuchern getrennt werden müssen – lohnt es sich auf jeden Fall. Die Bands, zumindest jene vom Freitag, machen gute Laune, lediglich von den nationalen Acts – dieses Jahr gerade einmal sechs, davon drei aus Nîmes – hätten es ruhig ein paar mehr sein können. Da das TINALS zeitgleich mit dem 400 Kilometer entfernten Primavera Sound stattfindet, machen viele der dort spielenden Künstler auch in Nîmes halt. Wenn man also gerade am Mittelmeer ist und nicht das Geld fürs Primavera hat, kann man stattdessen für unter 50 Euro auf dem This Is Not A Love Song Festival glücklich werden.

 


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Fichon

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