Florence and the Machine

Das womöglich größte, deutsche Indie-Electro-Festival zeigte sich in seiner 21. Edition so bunt und grenzenlos wie noch nie. Neben dem verschwitzten Duft der Keta-Raver bot das Line-Up wie auch das Publikum auf dem Melt Festival eine süßliche Note an Grenzenlosigkeit und Queerness. 

Jedes Jahr pilgern etwa 20.000 Besucher aus aller Welt in die Eisenstadt Ferropolis, um versteckte Raves, ausgefallene Looks, hochkarätige Acts und vor allem sich selbst zu feiern. Dieses Jahr gelang es den Veranstaltern mithilfe eines diversen Line-Ups die Engstirnigkeit des eigenen Publikums abzulegen. Mit seinen queeren Headlinern und Eckpfeilern der Akzeptanz kreierte  das Melt Festival einen einzigartigen Raum in dem sich Billo-Raver und queere BesucherInnen am Ende jeden Abends verliebt in den Armen lagen. 

Dabei startete der Donnerstag mit dem Headliner der Pre-Party doch derart stumpf und vorausschauend. Jeder Drop, jeder Knopfdruck ist einstudiert bei dem in die Jahre gekommenen Blech-Techno von Boys Noize. Umso erfreulicher war es, dass der Freitag früh mit The Internets Genre-Verschmelzung eine andere Kerbe einschlug. Neben The Internet bewiesen auch Acts wie Superorganism mit ihrem Weirdo-Indie, Rex Orange County oder Little Dragon, dass festgefahrene Genres längst der Vergangenheit angehören. Und so kann man als Veranstalter bedenkenlos auch mal einen Trap-Act wie Yung Hurn, der spontan RIN ersetzen musste, mit ins Line-Up einbauen ohne abends schweißgebadet in Angst vor einem Shitstorm einschlafen zu müssen. 

Wer sich abends nicht zwischen den vielen, kleinen Raves oder der  Hipness der Highsnobiety Stage entscheiden konnte, fand sich meistens vor dem großen Industriebrocken der Melt Stage wieder. Dort tänzelte am ersten Abend Florence + The Machine im leichten Sommerkleid über die Bühne und umgarnte das Publikum mit einer exklusiven deutschen Festivalshow. Die an Perfektion grenzende Bühnenpräsenz der Britin ließ das eisern-kalte Gelände zu einem bunten Märchenwald erblühen und so sorgte sie mit einem energievollen Set aus Klassikern wie „Shake It Out“ oder „Dog Days Are Over“ dafür, dass man für einen Moment lang zu glauben versuchte, dass die Welt doch ein guter Ort zu sein scheint. Ein weiterer Glücksmoment in ihrem Set war, als es ihr gelang die zahlreichen Influencer davon zu überzeugen ihr Handy kurz wegzulegen und einfach das Leben wieder analog wahrzunehmen und zu spüren. Inspiriert von diesem Vibe schwebte sie selbst wie ein Fabelwesen gegen Ende des Sets mit einer Regenbogenflagge über die Bühne und sprach sich stark für Weltoffenheit aus. Ein Zeichen, das uns das Wochenende über begleiten sollte. 

 

Gurr

Gurr im Interview über die Festivalkultur und heiße Sommertage

Mit ähnlicher Energie aber deutlich mehr Demut rockten sich Gurr den ersten Slot am Samstag auf der Melt Stage zurecht. Neben der drückenden Hitze, sprach auch das Public Viewing gegen das Set der Garagenrockerinnen. Dies ließ das Duo motiviert durch einen dezenten Kater jedoch ziemlich kalt und so performten Gurr stark auf der Bühne auf denen einst schon ihre Idole von Oasis aufgetreten sind. Starke Frauen dominierten wie Gurr, NOVAA, IAMDDB oder auch Sevdaliza, die mit ihrem erotisch aufgeladenen Set am Strand der Melt Selektor Bühne überzeugen konnte, bestimmten den Samstag und hätten damit auch keinen Raum für das Macho-Gehabe der Gallagher Brüder gelassen. 

Noch vor dem Headliner Fever Ray, die es bei dem Publikum mit ihrem Kabinett der Absurditäten leider schwer hatte, eroberten zehn Tänzer und Tänzerinnen zusammen mit der Dragqueen Pandy die Bühne und zelebrierten als Vulva verkleidet den Pussy Riot-Song „Straight Outta Vagina“. Eine mögliche Erklärung für das leider übersichtliche Publikum bei Fever Ray könnte aber auch mit dem Aufkommen eines neuen Popstars zusammenhängen. Auf der oft ein wenig unterschätzten Superdry Stage (vielleicht liegt es an den hässlichen Klamotten der Marke) trat nämlich Mavi Phoenix vor voller Hütte auf und stellt dem Publikum zurecht die Gretchenfrage, ob denn nun das Splash! oder das Melt Festival das bessere Festival sei. Die Antwort lieferte die Österreicherin mit ihrer Mischung aus Urban-Pop und Hip Hop selbst und feuerte die Genreverschmelzung zwischen der Containerlandschaft weiter an. 

Nach den Auftritten von Fever Ray und Mavi Phoenix wurde die BMP-Anzahl noch einmal angezogen und so konnte man sich mit Nina Kraviz, Modeselektor & Apparat oder zu später Stunde mit Palms Trax auf der Forest Stage in den Morgen tanzen. Wem dies zu elektronisch war, konnte sich ohne Alkoholkontrolle auf dem Intro-Floor in einen Autoscooter setzen und zusammen mit den Kollegen ein letztes Mal nostalgisch zurückblicken. Obwohl das Melt Festival jedes Jahr den Sleepless Floor anbietet, zeigt es auch, dass es durchaus Verständnis für die Besucher auf den Sleepyes Floors aka den Campingplätzen hat.

© Stephan Flad

Der musikalische Sonntag begann nämlich erst um 16:00 Uhr auf der am letzten Tag von The Black Madonna kuratierten Big Wheel Bühne mit Tijana T. Auf der großen Bühne dröhnten die, das ganze Wochenende perfekt abgemischten Klänge, sogar erst um 17:00 auf die Stahlbetonlandschaft von Ferropolis. Eine knappe Stunde später traten die Australier von Parcels gegen das Public Viewing auf der Melt Selektor-Bühne an und haben das Spiel locker mit 5:4 für sich entscheiden können. Mit Glitzer und viel Funkiness machten die in Berlin lebenden Musiker aus Down Under deutlich, warum sie momentan aufregendste neue Gitarrenband sind.

Der Glitzervorhang von Parcels musste anschließend dem Lack und Leder von Fischerspooner weichen. Die New Yorker sind nach einer neunjährigen Pause wieder zurück und setzen ein Statement indem sie die anrüchige Bühnenshow der New Yorker Queerszene auf die große Bühne der Melt Stage verlegen. Die Ästhetik der LGBTQ-Community durchbrach sämtliche Barrieren und stärkte das Motto der Grenzenlosigkeit des Melt Festivals, das sich dieses Jahr nicht nur musikalisch stark ausdrückte. Es ist nämlich kein Zufall, dass beim krönenden Abschluss eines nahezu perfekten Wochenendes mit Oliver Sim und Romy Madley Croft gleich zwei offenkundig homosexuelle Menschen auf der Bühne stehen und sich für Pride und Akzeptanz in der Gesellschaft stark machen. 

Auch musikalisch könnten The xx, die vom genialen Jamie xx im Hintergrund elektronisch gesteuert werden, als Sprachrohr und Markenbotschafter für das Melt Festival fungieren. Die perfekt ausgetüftelte Musik, die Verschmelzung von Tradition, Innovation, von Nostalgie und Fortschritt, die perfekte Bühnenshow, all dies sind Werte, die genau so auch auf die 21. Edition des Melts treffen könnten. Wenn es kommerzialisierte Festivals wie das Melt Festival schaffen sich dann auch noch auf natürliche Art und Weise für Akzeptanz, Gleichheit und Grenzenlosigkeit stark zu machen, finden wir die Welt zwischen liegen gelassenem Plastikgeschirr und Selfie-Sticks dann doch ganz in Ordnung. 

Eindrücke der 21. Edition des Melt Festivals

© Stephan Flad
Schickt uns eure liebsten Eindrücke des Festivals an kontakt@thepostie.de und wir posten sie auf unserem Instagram-Account.