Dockville: Tag 2

Eine Bühne ohne Elektronik und eine ohne Gnade

Nachdem am Freitag SOHN den ersten Abend des MS Dockville mit einem Knall beendet hat, bereiten wir uns auf einen ruhigeren Samstag vor. Leider etwas zu entspannt, sodass ich Xul Zolar und Retrogott & Hulk Hodn verpasse. Umso größer ist dann die Erwartung, von den Acts des Nachmittags und Abends etwas aus der Gemütlichkeit geholt zu werden. Auf dem Programm stehen mit The/Das, Breton und Headlinern Die Antwoord ein paar Bands, die das durchaus bewerkstelligen können.

Die ZORN-Girls // © Paul Crone

Los geht es aber erst einmal mit Thurston Moore und Band. Der durch Sonic Youth berühmt gewordene Großvater des Indie Rock wirkt etwas fehl am Platz auf diesem Festival, das doch eher poppig-tanzbar und von Deutschrap dominiert ist. Und tatsächlich tut er sich am Anfang schwer, das Publikum von seinem überhaupt nicht bunten Alternative Rock zu überzeugen. Fast schon nihilistisch krächzt er ab und zu ein paar Verse ins Mikro, die zwanzig Minuten des ersten Songs rumpeln träge an den Zuschauern vorbei. Ist das nun Attitüde oder hat Moore so langsam tatsächlich die Nase voll vom Musiktreiben? Letzteres wäre verständlich – bis zu seiner Scheidung von Kim Gordon haben Sonic Youth 30 Jahre lang existiert, anscheinend hat sie die Kreativität bekommen und Moore das Sorgerecht für Steve Shelley, der ihn an den Drums begleitet und sichtlich Spaß auf dem Dockville hatte. Andererseits gab es auf dem Chelsea Light Moving Album vom letzten Jahr durchaus spannende Ideen und auch zwei neue Alben sind in der Mache, vielleicht hatte er also nur einen schlechten Tag (und das falsche Festival erwischt).

Deshalb geht es nach einer halben Stunde rüber zum Maschinenraum, in dem The/Das sich schon aufwärmen. Das Konzert ist anders als ihr Auftritt beim Appletree Garden Festival 2013. Diesmal steht kein Pavillon auf der Bühne und auch die harten Techno-Sounds wurden gegen die eher zarten, poppigeren Klänge ihres Debütalbums „Freezer“ ausgetauscht. Durch die verwirrten Ansagen („Ja, wir spielen das dann jetzt… ja. Viel Spaß.“) und Sänger Fabian Fenks Begeisterung für die eigene Musik eindeutig das sympathischste Konzert des Wochenendes. Auch Breton legen ein angenehmes Set hin, ihre Mischung aus Indie Rock à la Foals und kantigen sowie warmen elektronischen Elementen passt super zur Stimmung vieler Festivalgänger. Alles wippt und tanzt. Während I Heart Sharks‚ gesichtsloser Indie Pop von der Hauptbühne hinabträllert, wird am Maschinenraum frenetisch Coely und ihre Mischung aus Soul und Hip-Hop gefeiert. Die belgische Sängerin begeistert ihr vergleichsweise großes Publikum, sie sollte man im Auge behalten.

Nach dem ersten Handbrot des Festivals (Speck) hängt nebenan schon das Cover von „Warpaint“ als Banner auf dem Großschot. Die ersten Töne des Intros erklingen und gehen direkt in „Keep It Healthy“ über. Warpaint, ein komplett weibliches Art Rock Quartett, gehören für mich zu einer der besten Bands der letzten Jahre und auch live enttäuschen sie nicht. Wie eine Hydra mit vier Köpfen spielt die Band ein harmonisches, durchweg überzeugendes Konzert. Sängerin Emily Kokal ist gut drauf und es dauert nicht lang, bis sich ihre Stimmung auch auf das Publikum überträgt. „So that’s summer in Germany?“ Die graue Wolkendecke schafft es aber auch nicht, das perfekte Set noch zu stören. Warpaint live? Immer wieder gerne!

Zu Dillon, die direkt im Anschluss auf der Vorschot-Bühne spielt, kommen wir 15 Minuten zu spät – hey, irgendwann muss man auch noch Bier tanken, als Nicht-Camper dürfen wir leider keine Getränke mit auf das Gelände nehmen. Allerdings hat die brasilianisch-deutsche Dominique Dillon de Byington immer noch nicht angefangen. Zum Glück für uns und zum Leidwesen derer, die schon im Anschluss an Breton nach vorne gedrängt und Feine Sahne Fischfilet (Stichwort Verfassungsschutz) über sich ergehen lassen haben, um Dillon hautnah zu erleben. Die Bühne bleibt jedenfalls dunkel, bis die wie üblich ganz in Schwarz gekleidete Sängerin dem Publikum mitteilt, dass die Elektronik nicht funktioniere. Was folgt, ist ein spartanisches Set, während dessen sie allein mit Klavier und Stimme zu begeistern sucht. Das klappt mehr schlecht als recht: Die Songs sind selbst als reine Klavierballaden noch schön, doch das eigentlich Spannende, auf Platte und erst recht live, sind die elektronischen Stürme, die sie heraufbeschwört, um sie mit ihrer Stimme zu bekämpfen. Zu „Tip Tapping“ funktioniert dann wenigstens das Lighting und der Publikumsgesang, so dass Dillon doch noch bejubelt wird und nach ein paar „Dankeschön“s von der Bühne schleichen kann.

Kakkmaddafakka, diese irren Norweger, die schon vor drei Jahren beim Dockville aufgetreten sind, gibt es für uns dann wieder nur als Hintergrundmusik beim Erkunden des recht enttäuschenden Merchstandes. Zu tief sitzt noch die Enttäuschung über „Six Months Is a Long Time“, und außerdem hat der Headliner-Spot auf dem letztjährigen Appletree Garden erst einmal gereicht – kennst du ein Konzert, kennst du alle. Dann lieber zu HVOB, Electro mit Live-Drumming, von laut.de zurecht als „Stil vor Talent-Signing“ bezeichnet. Das relativ un-, aber dafür entspannende Konzert dient vor allem dazu, noch ein bisschen Kraft zu tanken, bevor es zum anstrengendsten Live-Act des Festivals – jeden Festivals – namens Die Antwoord geht.

Für die, an denen „Enter the Ninja“ vorbeigegangen ist: Jene Antwoord, 2008 in Südafrika gegründet, gehört zum Krassesten, was die heutige Musikszene zu bieten hat. Bestehend aus dem Rap-Ehepaar Ninja und Yo-Landi Vi$$er und einem DJ, überfallen sie das Internet mit einer Mischung aus Rave und Hip-Hop und einer dazugehörigen Bildsprache, für die der Begriff „hardcore“ nicht mehr ausreicht. Das alles hängt mit einer hierzulande wenig bekannten Bewegung namens Zef zusammen, die für die weiße Arbeiterschicht Südamerikas steht. So präsentiert sich Ninja wie eine Mischung aus Moneyboy und H. P. Baxxter, während Vi$$er mit platinblondem Haar und einem gefühlten Körpergewicht von 30 Kilo wie der Albtraum einer anorexischen Barbie aussieht. Videos wie „Baby’s on Fire“ und die Songtitel tun ihr Übriges. Hier eine Auswahl: „Don’t Fuk Me“, „Happy Go Sucky Fucky“, „Raging Zef Boner“, „Do Not Fuk Wif Da Kid“, „U Make a Ninja Wanna Fuck“, „Pitbull Terrier“ und natürlich der mit einem grandiosen Freakshow-Video versehene Hit „I Fink U Freeky“. Schock-Rap vom Feinsten.

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Leon Botha // © Julia Koch

Harter Stoff, aber gleichzeitig so faszinierend, dass sie schon knapp 1,5 Millionen Facebook-Fans haben, mehr als KakkmaddafakkaSamy Deluxe und Co-Headliner Jake Bugg zusammen. Tatsächlich ist es bei Die Antwoord am vollsten an diesem Wochenende. Die Hälfte derer, denen gegen 23 Uhr das Gesicht des an den Folgen von Progerie gestorbenen, ehemaligen Antwoord-DJs Leon Botha vom Bildschirm entgegen schaut, sind gespannt und etwas ängstlich, was sie denn nun erwartet. Die Anderen sind einfach nur aufgeregt. Das Konzert – sagen wir besser „der Rave“ – ist schlicht überwältigend. Riesenpenis-Puppe, unheimlich unmenschliche Background-Tänzer, die Aggressivität Ninjas und die Stimme von Yo-Landi Vi$$er, die live noch kindlicher ist als auf CD, dazu die ravende Menge – das alles lässt mich konsterniert und mit offenem Mund auf die Bühne starren. Ich habe kein Problem mit harter oder unangenehmer Musik – ich steh auf Bands wie Death Grips und Die Antwoord und war von hGich.T live begeistert – aber bei diesem Konzert ging mir nichtsdestoweniger ein Gedanke durch den Kopf: „Das ist alles, was falsch läuft in der Welt.“ Trotzdem kann man beim „Jump motherfucker, jump motherfucker, jump!“ von „I Fink U Freeky“ schwerlich etwas anderes tun als zu springen, motherfucker, und immer wieder zu springen.

Während Shlohmo dann am Maschinenraum zumindest für mich den Samstag beendet (eine nicht-repräsentative Umfrage hat ergeben, dass gefühlt 98 Prozent der Festivalbesucher mit Dominik Eulberg bis 4 Uhr gefeiert haben), kreisen die Gedanken unaufhörlich um Die Antwoord. Zu gleichen Teilen mitreißend und schrecklich, eines der faszinierendsten Konzerten, die ich gesehen habe – ich kann mich gar nicht mehr richtig daran erinnern, wie Shlohmo überhaupt geklungen hat! Nachdem man sich noch eine Stunde von seinen angenehmen elektronischen Klängen hat runterbringen lassen, geht es dann nach Hause. Und im Hinterkopf immer wieder die Stimme: „Jump motherfucker, jump.“

Highlight des Tages: Die Antwoord, The/Das, Warpaint

Ausbaufähigster Act des Tages: Thurston Moore, HVOB

Fichon

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