Drangsal im Heilig-Geist-Saal des Nürnberg.Pop // © Julian Janssen

Mia Morgan hüllt sich in blaues Neonlicht, Drangsal verbreitet Glamour und Roosevelt lockt Tanzwütige auf den Floor – wir sind zwei Tage durch Gässchen gewandelt, in gängigen Szene-Clubs und urigen Spielstätten ein und aus gegangen und haben uns von den süßen Klängen des Nürnberg.Pop Festivals treiben lassen.

Die Liebe steckt beim Nürnberg.Pop Festival im Detail. Es lässt sich nicht anders sagen. Der Vergleich „Reeperbahnfestival des Südwestens“ ist berechtigt: Durch verschlungene Mittelaltergassen, vorbei an Fachwerkhäusern und historischen Kirchen, lässt es sich von einem Konzert zum nächsten unter zehn Minuten durch die Stadt flanieren. Jedoch gemütlicher und stressfreier als das Hamburger Äquivalent. Schon zu Beginn des Festivals liegen süße musikalische Klänge über der ganzen Stadt. Neben dem hochkarätigen Line-up aus etablierten Acts und vielzähligen Nachwuchshoffnungen verstecken sich hinter jeder Ecke Nürnbergs ebenfalls einzelne Straßenmusiker, welche die Stadt zusätzlich beleben. Die Stadt und seine Bewohner versprühen einen durchweg positiven Vibe, der schon bei der Ankunft einen Funken Euphorie in den Festivalbesuchern entzündet.

Große Gesten und Austro-Pop mit Pauls Jets

Zur neunten Auflage des Festivals treten zum ersten Mal an zwei Tagen über 60 Acts und Bands auf 25 Bühnen verteilt in der Stadt auf. Höhepunkt sind hierbei nicht nur die auftretenden Künstler sondern gar die Spielstätten selbst. Ungewöhnliche Orte wie das Neue Museum, die Klarakirche, Kult-Lokalitäten wie die Wacht am Rhein oder auch Hotel-Foyers gehören neben gängigen Szene-Clubs sowie urigen Bars und Kneipen zu den ausgewählten Locations der Konzertreihe. Eröffnet wird das Club-Festival am ersten Tag von niemand geringerem als The Strumbellas. Im Heilig-Geist-Saal präsentiert die Band ihren eingängigen Indie-Folk und zeigt, dass sie kein „Spirits“-One-Hit-Wonder sind.

Wer hingegen zum Einstieg rotzigere Töne bevorzug, der ist bei Pauls Jets im Neuen Museum gut aufgehoben. Mit blauer Perücke bekleidet performt Frontmann Paul Buschnegg teils humorvoll, teils zu laut und teils mit melancholischen Zwischentöne seine Songs und zelebriert sich selbst und seine Musik in extravaganten Bewegungen. Große Gesten, eine lässige Attitüde und die humorvolle Texte runden den charmanten Austro-Pop des Trios ab, der sich irgendwo zwischen Schlager, Dreampop und Indie-Rock befindet.

Umso später der Tag, umso elektronischer wird der Abend. Im Katharinensaal in der Nähe des Katharinenklosters verzaubern MADANII und L:LUCID ihr Publikum mit einer atemberaubenden Live-Show aus spektakulären Lichteffekten und treibenden Beats, die einen in Mark und Bein übergehen. Die Verbindung aus orientalischen Elementen sowie der einzigartigen Kombination aus Pop, R’n’B und elektronischen Klängen versetzt die Anwesenden in Staunen. Dazu singt Sängerin Dena Zarrin teils in Englisch, teils in Farsi und zerlebriert so ihre iranische Herkunft. Genauso elektronisch, jedoch energetischer geht es bei Lui Hill im aufgeheizten Hinz X Kunz daher. Beim Auftritt des Neo-Soul-Musikers ist der Club brechend voll und lässt kaum Platz zum Tanzen. Sobald Lui Hill jedoch die Drum Sticks schwingt sieht man auch schon mal über die leichten Soundschwächen hinweg und starrt gebannt auf das trommelnde Geschehen auf der Bühne.

Warmer Indie-Disko-Sound mit Roosevelt

Highlight des ersten Festivaltages, zumindest für tanzwütige Besucher, ist der Auftritt von Roosevelt. Denn wenn Roosevelt eines kann, dann ist es warmer tanzbarer Indie mit einer Prise 80s-Nuance. Mit seinem Indie-Disko-Sound schafft es der Kölner eine Brücke zwischen Indie und Electro zu schaffen und verleiht dem Ganzen durch tropische Popharmonien einen internationalen Stil. Für eine feierliche Atmosphäre sorgen auch die Lichteffekte, die gekoppelt an die Beats der Tracks sind und Hand in Hand mit jedem Klang einhergehen. Die Zuschauer im Heilig-Geist-Saal werden geradezu in eine Synthesizer-Wolke aus Sound und Licht eingehüllt. Versetzt in eine ekstatische Stimmung, kommt man nicht umher, sich zu dem ausgewogenen Set aus alten und neuen Songs zu bewegen. Sobald sich das offizielle Programm des Nürnberg.Pop zu Ende neigt, verlagert sich das Programm in die Szene-Clubs der Stadt. Insbesondere im Stereo fallen feierwütige Festivalbesucher ein und tanzen zu Indie und Charts bis in die frühen Morgenstunden.

Frauenpower am Samstag

Stärkung für den zweiten Festivaltag findet man am Besten in einem der  heimeligen fränkischen Lokale. Eine Portion Schäufele und der Kater löst sich von alleine in Luft auf. Mit neugeschöpfter Energie lässt es sich entspannt weiter durch Nürnberg flanieren oder gar an den interessanten Konferenz-Punkten teilnehmen. Musikalisch ist der Festivalsamstag aber fest in Frauenhand. Der warme Sound und die zurückgelegten Beats von Amilli kommen im Heilig-Geist-Saal eindrucksvoll zur Geltung.

Mit „Rarri“ hat die 19-jährige Amilli aus Bochum letzten Sommer fast aus dem Nichts einen Hit gelandet und zählt derzeit zu den größten musikalischen Hoffnungen des Landes. Schon nach den ersten Takten ist man von der souligen, kräftigen Stimme von Amilli in den Bann gezogen. Von der ersten bis zur letzten Minuten befinden sich die Zuhörer in einem schwebenden Zustand aus Euphorie und einer angenehmen Nuance an Melancholie.

Ein Kontrastprogramm dazu bietet fast zeitgleich Alli Neumann. Live ist die Sängerin das reinste Energiebündel und schöpft den Raum der Bühne gänzlich aus. Dabei präsentiert sie sich im übervollen Korns taff, unangepasst und stets fannah. Ihre Fans lieben die Hamburgerin für ihre authentische und lässige Art und singen textsicher die Songs von Alli mit.

Mia Morgan taucht hingegen im Club Stereo in blaues Neonlicht ein und unterstreicht so ihren kantigen Gruftpop. Dazu trägt sie ein nonnenhaftes Satinkleid samt einem langen Schleier, dazu viel Schmuck und stets eine Gitarre in der Hand. Feminin, herzzereissend und kunstvoll trägt sie ihre emotionalen Texte vor und wird von ihren Fans dafür gefeiert. So bemerkt auch keiner der Anwesenden, dass Mia Morgan einen Song in einem falschen Akkord auf der Gitarre begleitet. Einzig die Sängerin selbst ärgert sich über den Fauxpas, der aber spätestens nach ihrem Hit „Waveboy“ von der feiernden Menge gänzlich vergessen ist.

Mia Morgan im Club Stereo // © Julian Janssen

Drangsal bringt das Nürnberg.Pop zum Funkeln

Mit seinem brachialen Pop und seiner unerschöpflichen Bandbreite aus 80er Jahre-Elementen, New Wave und einer großen Prise NDW zieht Drangsal am Samstagabend die Menge in den Heilig-Geist-Saal. Ekstatisch und gut gelaunt leitet Max Gruber durch den Abend und verzaubert das Publikum mit seiner charmanten Art und seiner dandyhaften Attitüde. In  einem gestreiften Satinhemd gekleidet, dazu extravagantes Make-up und in schummriges Licht gehüllt versprüht Drangsal genau die perfekte Portion Glamour. Auch seine Band ist stilsicher gekleidet.

Durch die ausgefallenen Outfits wirkt die drangsaleske Bühnenshow theatralisch, aufregend und trotzdem unprätentiös. Von der ersten Minute an hat der gebürtige Herxheimer sein Publikum fest im Griff, für die rege Anteilnahme gibt es auch schon mal einen Applaus von Drangsal himself. Was bleibt ist eine Euphorie, die wie ein Funken auf das Publikum überspringt und zugleich wie eine warme musikalische Umarmung des Künstlers wirkt. Kein Wunder, dass Drangsal und Band gern gesehene Gäste des Nürnberg.Pop sind.

Daneben legt das Festival auch großen Wert auf die Förderung regionaler Künstler. Insbesondere die Bühne des Katharinensaals ist am Samstag in bayerischer Hand. Eröffnet wird die Stage durch die atmosphärischen Klänge von LionLion. Packend, gefühlvoll und intensiv ist der gitarrenliebende Alternative-Rock der Lokalpatrioten. Kein Wunder also, dass die Band schon am frühen Abend den Saal zum Brodeln bringt. Zum bersten bringen auch Matija aus München die Location mit ihrem eingängigen Alternative-Pop. Auch schafft es aktuell keine andere Bandy den Ruf der Blockflöte wieder so sexy erscheinen zu lassen wie das Trio.

Das Nürnberg.Pop lässt Musikherzen höher schlagen. Hier stimmt einfach alles, das Booking, die Locations und das Umfeld. Das urige Nürnberg und seine belebte Club-Szene eignen sich perfekt für das Festival. Die Erweiterung auf zwei Tage in diesem Jahr ist ganz zur Freude der Anhänger auf ein positives Echo gestoßen. Zwar überschneiden sich leider immer noch viel zu viel großartige Acts aber auch hier beweist das Festival ein treffsicheres Händchen in der Auswahl des Programms. Das Nürnberg.Pop ist ein Festival, dass zum Entdecken, zum Liebhaben und zum Feiern einlädt und nicht nur gute Erinnerungen sondern auch ein warmes Gefühl hinterlässt.

Hier noch einmal das Video zu „Turmbau zu Babel“ von Drangsal:

Fotos: Julian Janssen