„Das Ziel ist, sensibler zu werden und nicht stumpfer zu werden“ – Daniel Richter und Yung Hurn gemeinsam im Atelier

Yung Hurn und Daniel Richter mit Nike Schuhen
Daniel Richter und Yung Hurn // Screenshot

Yung Hurn und Daniel Richter machen zehn Minuten Kunst, unterhalten und berühren sich, werben für Nike und wir haben uns dazu ein paar Gedanken gemacht.

Der Maler Daniel Richter sitzt in seinem Berliner Atelier. Er hat die Füße übereinander geschlagen und sich eine Fellmütze tief über die Augen ins Gesicht gezogen. Neben ihm sitzt der Wiener Rapper und selbsternannter Falco Nachkomme Yung Hurn in kurzer Hose und weißem Shirt. Um den Bauch trägt er eine kleine Tasche, die die Farbe und Form des giftgrünen Augapfels „Mike“ aus der Monster AG hat. Beide tragen die gleichen Sneaker, die Hersteller Nike wohl hiermit, in hippem Kontext arty verpackt, einem interessierten Publikum näher bringen will. Gemeinsam mit dem INDIE Magazine bringt der Marktführer in Sachen Sportartikel und Streetwear den weltweit gefeierten Maler Richter, der seit 2005 quasi als Nebenjob das Hamburger Independent Label „Buback“ leitet, mit demjenigen Rapper zusammen, der derzeit in das immer weiter verpoppende und ermüdende Genre glücklicherweise eine gewisse Andersartigkeit und damit ein Stück weit Originalität zu bringen scheint. Der Auftrag fürs Video: In zehn Minuten ein Stück Kunst erschaffen.

Yung Hurn hat erst kürzlich sein neues Mixtape „Love Hotel“ veröffentlicht.

Nachdem Richter die schnell und spontan erschaffene Kunst seines Gegenübers mit einer handelsüblichen Tütensuppe verglichen hat, schlürft er auf seinen durchsichtigen Gummiplateaus des Sponsors über einen der ausgelegten Perserteppiche, Jogginghose und Fleckenpulli schlabbern um den Körper, die erste Zigarette glüht zwischen den Fingern und der Fellhut sitzt. Wer ist hier nochmal der Cloudrapper? „Jetzt streng dich mal bisschen an“ kommt es vom Maler in Richtung seines jungen Kollegen und es werden die ersten Striche auf die Leinwand gezeichnet. Am Ende wird auf der Leinwand ein Fußballtor zu sehen sein, auf das Yung Hurn mit Daniel Richter als Torwart einen Elfmeter schießt und damit das Bild von der Wand jagt. Dazwischen relativ lustlose und inhaltslose, da in keinem ersichtlichen Kontext stehende, Fragen an die Beiden wie „Was macht denn für euch den Wert von Kunst aus?“, auf die ein gelangweilt wirkender Daniel Richter kurz den Unterschied von Wert und Bedeutung zu erklären versucht, während es für Yung Hurn hingegen viel einfacher ist: „Es gibt keinen“. Generell scheint letzterer, zum Beispiel im Gegensatz zu Videos, in denen sein Alter Ego Kristallo Ronaldo durch Tokio läuft oder im KadeWe „rare oysters“ zu sich nimmt, zu genießen, nicht den Alleinunterhalter spielen zu müssen und stimmt mit dem Gesagten Richters meistens breit grinsend und immer wieder voller Spaß um diesen herumwuselnd überein. Besonders nett zu sehen ist natürlich die Szene zum Ende der zehn Minuten, in der Richter einem vor sich knienden Hurn ein kleines bisschen die dunklen Haare abrasiert. Dabei greift er, fast primatenartig, auf den Hinterkopf des jungen Österreichers und waltet seiner Arbeit. Fehlt nur noch, dass er ihm zärtlich den Schädel laust. Wie die beiden da so vor dem Gemalten knien und der eine sich um das Haupthaar des Anderen kümmert, der ihm unter der Klinge des Rasierers in gegenseitigem Vertrauen ausgeliefert ist, das muss dann die im Titel versprochene Kunst sein.

„Am falschen Ende gespart“ kommentiert Richter den Rasierapparat, den sein Gegenüber kurz zuvor aus dem kleinen grünen Monster um seinen Bauch geholt hatte. Am falschen Ende gespart hat der vielleicht, nicht aber der Sponsor des kleinen Spaßes Nike. Was gibt’s besseres als den feschen Wiener Dadarapper in ’ner netten, fast Vater-Sohn artig scheinenden Kombination mit einem der populärsten zeitgenössischen Maler zusammenzubringen, die zehn Minuten lang die neuen Schuhe in die Kamera halten, ohne auch nur ein einziges Wort darüber zu verlieren? Das gibt dem Ganzen irgendwie den fahlen Geschmack eines Promomoves, der so wirkt, als würde er gar keiner sein wollen. Ziel erreicht, es wird darüber geredet, beziehungsweise geschrieben und ein kleines, nettes Video ist auch dabei rausgekommen. Hm, irgendwie könnte da mehr drin gewesen sein denkt man sich und wird genauso schnell von der Erkenntnis eingeholt, dass da gar nicht mehr drin sein will und soll. Fahl ist’s trotzdem.