TOPS und die Neue Milde

TOPS © Chantal Africa.

Ein Essay über Soft Rock, Revivals und die Zeitlosigkeit von Pop

Der folgende Artikel ist ein Vorabdruck aus dem Jubiläumsmagazin für das 10. Prêt à écouter Festival im Heidelberger Karlstorbahnhof. Zehn Jahre! Vor zehn Jahren habe ich gerade angefangen, mich mit Hilfe von Porcupine Tree, Björk und RJD2 von meiner ersten großen Musikliebe Metal wegzubewegen und anderen Spielarten gegenüber offen zu sein. (Dass ich mal einen Artikel über eine Popband wie TOPS schreiben würde, wäre mir damals nicht im Traum eingefallen.) Zu der Zeit war der Karlstorbahnhof schon länger ein Musterbeispiel für genreübergreifende Stilsicherheit, 2004 etwa hatten sich Stereolab und Four Tet eine Bühne geteilt.

Auf dem orangen Tourplakat standen damals vier Städte: Köln, Hamburg, Berlin… und Heidelberg. Drei Metropolen, in denen die internationalen Musikgrößen Halt machen, sowie das beschauliche Touristen- und Universitätsstädtchen, das außer seinem Status als Ursprungsort des deutschsprachigen Hip-Hop kaum nationale Relevanz in Sachen Musik hat. Diese einzigartige Aufzählung zu einer regelmäßigen zu machen ist seit 2007 das Verdienst der Veranstaltungsreihe Prêt à écouter.

Wo im Laufe der letzten Jahre the Faint, BLK JKS, Menomena, John Maus und Rangleklods standen, werden die Besucher dieses Jahr unter anderen die israelische Künstlerin Noga Erez, Jakuzi aus der Türkei und Jamie Stewart’s Xiu Xiu erleben dürfen. Ich hatte das Vergnügen, für die Festivalzeitschrift einen Artikel über die Kanadier von TOPS beisteuern zu dürfen. Ein Essay über die neue Soft Rock Szene und, zwischen den Zeilen, ein Liebesbrief an den Karlstorbahnhof und das Prêt à écouter. Auf die nächsten zehn Jahre!


Wann genau das alles angefangen hat, ist wie so oft nicht ganz klar. Ariel Pink’s „Round and Round“ hat den Soft Rock Sound 2010 wieder ins kollektive Bewusstsein gerufen, seitdem haben Bands wie Metronomy, Poolside und Toro y Moi nachgelegt. Der kanadische Musiker Sean Nicholas Savage experimentierte jedoch schon ein paar Jahre zuvor mit seichten Melodien über locker-leichten Beats, als befänden wir uns schon wieder im Jahre 1976. In dem Jahr veröffentlichten nämlich Fleetwood Mac mit „Rhiannon“, „Say You Love Me“ und „Go Your Own Way“ drei Songs, die den kurzen Siegeszug von Soft Rock einläuteten. Das Album Rumours, das im darauffolgenden Jahr erschien, ist heute eines der meistverkauften Alben und ein Musterbeispiel für ein Genre, das am Ende jenes Jahrzehnts bereits überholt klang.

Da sich Musikgeschichte durch Revivals und Neuauflagen aus der Mode gekommener Spielarten – so etwa Neo Soul und Nu Disco – am Leben hält, war es nur eine Frage der Zeit, bis auch „the Mac“, Toto und Lionel Richie wieder Eingang in die Popkultur finden. Warum gerade am Anfang dieses Jahrzehnts? Vielleicht ist der gefühlvolle „soft sound“, der heute oft in Verbindung mit Elementen aus R&B, Funk und Soul daherkommt, als Gegenbewegung zu den aggressiven und vorrangig weiß-und-männlichen Stilrichtungen EDM und Brostep zu verstehen.

Die Neue Milde als Gegenkultur zu bezeichnen, hieße einer ästhetischen Trotzreaktion zu viel politische Wirkmacht verleihen. Woran TOPS stattdessen arbeiten, ist die Perfektion des Popsongs im klanglichen Gewand von Soft Rock. Die vier Kanadier haben sich 2012 in die Riege der Revivalisten eingereiht, seit dem Debüt Tender Opposites sind zwei weitere Alben dazugekommen. Die beiden Hauptsongwriter Jane Penny und David Carriere haben früher mit Savage in einer Band gespielt, was ihre Bereitschaft erklärt, mit ihrer Musik in kitschiges Territorium vorzustoßen, um von dort verlorene Juwelen zu bergen.


Was Revivals im besten Fall aufzeigen, ist die Zeitlosigkeit von Musik.


TOPS haben ihre eigene Herangehensweise an Soft Rock. Bei ihnen ist er zuckersüß und verträumt, minimalistischer als der ihrer Kollegen. Jane Pennys Stimme und das, was sie damit anstellt, tragen dabei zur Einzigartigkeit des Quartetts bei. Die Sängerin, die auch die Keyboards bedient, schwankt zwischen kindlicher Sorglosigkeit und gehauchter Laszivität. Auf dem neuen Album Sugar at the Gate klingen sogar vereinzelt My Bloody Valentine durch, eine Band, die zwischen rauschenden Gitarren und Feedbackgewittern auch nach dem perfekten Popsong gesucht hat.

Anders als die Shoegazer der Neunziger, deren Musik sich seit ein paar Jahren durch unzählige Reunions der Kultbands von damals ebenfalls neuer Beliebtheit erfreut, tragen TOPS auf der Bühne ihre Begeisterung nach außen. Carriere springt Gitarre spielend zwischen seinen Mitmusikern umher, während Penny bis über beide Ohren grinst. Man merkt, dass die Band mindestens genauso viel Spaß an ihrer Musik hat wie das Publikum, wenn nicht sogar mehr.

Was Revivals im besten Fall aufzeigen, ist die Zeitlosigkeit von Musik. Man kann TOPS mit so unterschiedlichen Leuten wie Chaz Bundick, Frankie Rose, Mac DeMarco und Joseph Mount in einen Topf schmeißen und in groben Lettern „Soft Rock“ drauf schreiben. Dann erfinden sie das Rad eben nicht neu, und wenn schon! Wenn das Aufwärmen eines erkalteten Stils so viel gute, neue, originelle Musik zur Folge hat, kann man sich beim besten Willen nicht ins „Früher war alles besser“ flüchten.


Das 10. Prêt à écouter Festival findet vom 16.11. bis zum 1.12. in Heidelberg statt. Das komplette Programm findet ihr auf der Seite des Karlstorbahnhofs.