France With Benefits #2

Moodoïd // © Fiona Torre.

Psyché: Eskapismus à la française

Ihr steht auf Reverb und panoramische Bewusstseinserweiterung und zieht euch gern in die musikalischen Welten schrulliger Musiker zurück? Dann seid bienvenue à France With Benefits. In dieser neuen Serie werden wir euch einmal im Monat die Musikwelt Frankreichs näherbringen, mit seinen unterschätzten Bands, coolen Labels und interessanten Initiativen. Unsere Nachbarn haben nämlich mehr zu bieten als nur Daft Punk, Phoenix und David Guetta. In Teil Zwei geht es um französischen Psychedelic Rock und Pop, oder, wie sie selbst sagen: psyché.

Psychedelic, das geht auf Aldous Huxley, die Beat Generation und den Summer of Love zurück. Mitte der Sechziger Jahre experimentierten die Beatles mit psychoaktiven Drogen sowie dem damals gängigen Popstandard, indem sie den Fokus von Texten und Melodien auf Texturen und Weltmusik-Einflüsse verlagerten. Statt aber die ganze Geschichte der psychedelischen Musik nachzuerzählen (das kann Wikipedia genauso gut), konzentrieren wir uns lieber auf seine Auswüchse im heutigen Frankreich. Anders als hierzulande floriert bei den Nachbarn die Szene an querdenkenden, bisweilen exzentrischen Musikern: La Femme, Aquaserge und deren Nebenprojekte, Corridor, FAUVE (Letztere sind mehr Spoken Word als Psyché, aber genauso auf die Psyche des Hörers ausgerichtet)… Je tiefer man gräbt, desto mehr wird man belohnt. Heute stelle ich euch mit Disco Anti Napoléon, Forever Pavot und Moodoïd drei Bands vor, die 49 Jahre nach „Tomorrow Never Knows“ die ehrenvolle Tradition aufrecht erhalten, Songs zu komponieren, die dabei helfen, sich in seinem Kopf zu verlieren: turn off your mind, relax and float downstream.



Nature Boys: Disco Anti Napoleon // © Pierre Stroêska.
Nature Boys: Disco Anti Napoléon // © Pierre Stroêska.

Disco Anti Napoléon

Disco Anti Napoléon sind die Traditionalisten und damit der odd one out in dieser Liste. Wenn euch das Temples Album zu poppig war und ihr mit Glass Animals nichts anfangen könnt, versucht mal DAN. Die vier Jungs aus Nantes spielen Psychedelic Rock, wie er im Buche steht, mit treibendem Schlagzeug und Gitarren, die Freiheit rufen. Man kann sich vorstellen, dass Jordan Baudoin, Tristan D’Hervez, Thomas Durand und Renaud Jumbou ihre Songs regelmäßig in amerikanischen Canyons oder dem weitläufigen Massif Central zum Besten geben. Die Verwandtschaft mit den Flaming Lips wird dadurch verstärkt, dass Baudoin auf Englisch singt.

Letztes Jahr haben DAN ihr Debütalbum Ascent veröffentlicht. Die zehn Tracks bewegen sich erstaunlicherweise alle im Popformat, „Blue Lawn“ bleibt als längster Song knapp unter fünf Minuten Spielzeit. „Eva“ ist der große Pophit auf dem Album, die unschuldige Gitarrenmelodie und das fröhliche Keyboard unterscheiden ihn von den restlichen Minijams von Ascent. Den Song im DJ-Set auf einer Indie-Party zu hören, ist gar nicht so unwahrscheinlich. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass das Quartett „Eva“ und den Titeltrack zuvor schon als Single veröffentlicht hatte und die restlichen Songs überwiegend sonntagmorgens mit Zeitdruck und einem Kater vom Feiern aufgenommen wurden. Mit „Girl“ und „Spaceship“ klingt Ascent aber doch ganz entspannt aus.

Laut D’Hervez haben sich die vier Nantaiser unzählige Male zusammen Live in Pompeii angehört, aber Pink Floyd imitieren wollen sie auch nicht. Erklären würde das zumindest den Hidden Track auf „Spaceship“, auf dem die Band beim Herumalbern zu hören ist, bevor mit analogem Synthgewaber und tribalistischen Drums die Regler für das Herz der Sonne eingestellt werden. Abgesehen davon ist Ascent kompakt und fuzzy, gleichzeitig zielstrebig und ohne richtiges Ziel. Bei manchen Songs scheint die Krautrock-Motorik durch, oft sind DAN aber schlicht die Popversion von the Grateful Dead (ein seltenes Oxymoron). Die Musik klingt zwar nicht nach Disco, aber Spaß macht sie schon. Innovation wird bei ihnen klein geschrieben, aber dafür sind ja andere Leute da. Leute wie Emile Sornin.

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Heimstudio ca. 1967: Forever Pavot // © Greg Dezecot.

Forever Pavot

Es kann manchmal schwierig sein, in der psychedelischen Popmusik noch Unterscheidungen zu machen. Im Endeffekt haben doch alle die gleichen Referenzpunkte: die Beatles, Pink Floyd und indische Klänge. Wenn dann jemand wie Emile Sornin daherkommt und Filmkomponisten wie François de Roubaix und Ennio Morricone und barocke Instrumentierung in den Topf wirft, wird das Ganze schon interessanter. Als Forever Pavot macht der Franzose aus La Rochelle Musik, die er lieber nicht als psychedelisch bezeichnen will, denn mit Drogen hat seine Musik nichts zu tun – auch wenn „Pavot“ auf Deutsch Mohn bedeutet und der Name aus einem schlecht geschriebenen „Flower Power“ heraus entstanden ist.

Sornin teilt seine Vorliebe für die Sechziger mit Leuten wie Kristoffer „Garm“ Rygg, dem Sänger der norwegischen Avantgarde-Band Ulver: Beide sind mehr an der obskuren Seite der „psychedelic ’60s“ interessiert als an dem oben aufgezählten Kanon. Über Childhood’s End, ein Album mit Coverversionen von ’60s Pop, sagt Rygg: „The Doors waren cool, aber damals ging so viel mehr ab.“ Der langhaarige Sornin spricht sich sogar gegen den Gebrauch des Modeworts „psychedelic“ aus: „Psyché ist für manche eine Epoche, ein paar Bands… Für andere ist es Musik, die dich auf eine Reise schickt. Aber ganz ehrlich, oft ist das ein Wort, das man herausholt, weil es eine Modeerscheinung ist.“ Außerdem räumt er den Soundtracks zu italienischen Thrillern, sogenannten Giallos, einen ebenso großen Einfluss ein wie der Popwelt von vor 50 Jahren.

Auf Rhapsode, dem Debütalbum von Forever Pavot, finden sich zuhauf Instrumente, die alte, teilweise sehr alte Bilder vor das innere Auge rufen. „Le passeur d’armes“ klingt mit der unwahrscheinlichen Mischung aus Bongos, Schellenkranz und dem auf dem Album allgegenwärtigen Cembalo wie ein Besuch von Händel in einem Ashram. „Les cigognes nenuphars“ simuliert in bester Giallo-Manier eine Verfolgungsjagd in einer Kathedrale. The Coral und Jacco Gardner sind gar nicht so entfernte Verwandte, aber Forever Pavot geht noch einen Schritt weiter ins Visuelle. Sornin hat, wie viele seiner Gleichgesinnten, ein interdisziplinäres Verständnis von Musik. Die Visualität und eine Nähe zum barocken Prog teilt er auch mit Pablo Padovani, der mit Moodoïd momentan eine der interessantesten Bands unter dem losen Psyché-Banner anführt.

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