Ambient und weniger, 2015

Fünf experimentelle Alben aus dem letzten Jahr

Ein letztes Mal wenden wir den Blick nach hinten, auf das vergangene Jahr und die Musik, die wir euch noch mit auf den Weg geben wollten. Diesmal geht es um, grob gesagt, Ambient. Ob mit Gitarre, Synth oder Laptop, es gibt immer wieder Künstler, für die Ambient mehr ist als Hintergrund- oder, noch schlimmer, Fahrstuhlmusik. Sicher, das kann für manche anstrengend sein – vor allem wenn man sich bei einem Konzert zwei Stunden auf Musik konzentrieren muss, die eigentlich genau das verhindern will (so geschehen bei Gora Sou im Vorprogramm von Andy Stott und Laurel Halo letzten Herbst). Die hier aufgezählten Alben jedoch sollte man zumindest einmal ausprobieren, dann legt sich vielleicht ein Schalter im Gehirn um und ihr wollt nur noch Eno, Basinski und Aphex Twin hören.


Noveller: Fantastic Planet

Noveller hat schlicht und einfach das schönste Album des Jahres gemacht. Schöner noch als das wunderschöne b’lieve i’m goin down…, und das, obwohl Fantastic Planet weder Texte noch besonders ausgeprägte Melodien hat und mit dem Schlagzeug sehr spärlich umgeht. Tatsächlich hört man auf den neun Songs hauptsächlich Gitarre und elektronische Effekte, die sich zu Soundwänden auftürmen. Bei „Rubicon“ wird man davon überrollt, während im Anschluss mit „Sisters“ das am ehesten als Song zu identifizierende Stück steht.

Ansonsten sind Textur und Stimmung aber Herz und Seele, jedes Stück ist sein eigener fantastischer Planet; durch Sarah Lipstates stark verzerrte Gitarre bekommt das Album dennoch einen roten Faden. Auch wenn die Songs komponiert und mit allerlei Effekten versehen sind, bekommt man das Gefühl, es handle sich hier um Musik in ihrer reinsten Form – ähnlich wie bei Colin Stetsons monumentalem New History Warfare Vol. 3: To See More Light. Anders als bei vielen Alben aus dem Ambient-Bereich ist Fantastic Planet nicht bloß der Soundtrack zu einem imaginären Film. Vielmehr handelt es sich hier um eine Anthologie von wortlosen Geschichten, die keine visuelle Unterstützung brauchen. Als Hintergrundmusik funktioniert es deshalb auch nur halb, seine Schönheit entfaltet Fantastic Planet erst, wenn man es sich bewusst anhört. Am besten im Wald, mit geschlossenen Augen und Kopfhörern. Laut aufdrehen, damit sich die Emotionen entfalten. Dann fühlt man sich wie auf einem anderen Stern.


William Basinski: Cascade

William Basinski ist so etwas wie der aktuelle Großmeister der Tape und Process Music. Mit den Disintegration Loops, die in den zwei Jahren nach 9/11 erschienen, erschuf der Komponist einen minimalistisch-monumentalen Soundtrack zur Angststarre nach den Attentaten in New York, nicht zuletzt aufgrund der Paradigmenwechsel-Symbolik der Entstehungsgeschichte der Alben. Beim Überspielen von analogen Tapes ins Digitale zerfielen jene mehr und mehr in ihre Einzelteile, brachten dabei aber immer wieder kleinste Geräuschvariationen mit sich. Als Basinski mit allen Tapes durch war und sich auf seinem New Yorker Dach alles noch einmal anhörte, krachten die Flugzeuge in die Twin Towers.

Cascade ist weniger symbolisch aufgeladen, auch wenn das über 40 Minuten wiederholte Piano-Motiv wie der musikalische Ausdruck von Wellenrauschen anmutet (Titel und Cover machen das überdeutlich). Das Motiv besteht aus vier Teilen, die sich kaum merklich verändern, aber nach zehn Minuten doch anders klingen als nach 20, nach 30, nach 40. Cascade ist bei Weitem nicht so außergewöhnlich und bedeutungsschwanger wie die knapp fünf Stunden der Disintegration Loops. Aber das ist das wiederholte Heranrollen, Brechen, Auslaufen und Zurückfließen der Wellen auch nicht, und doch besitzt es eine beruhigende Grandeur. Perfekt, wenn man gerade kein Meer zur Verfügung hat.


Gora Sou: Ramifications

Mit Ramifications sind wir in dieser Liste an dem Punkt angelangt, an dem weltraumhafte Synthesizer und undefinierbare Glitches zu einem unheimlich-schönen Soundtrack zusammen kommen. Es handelt sich um die vierte Veröffentlichung von Gora Sou, der als Marc Übel bei Sizarr für die Rhythmusgeräte zuständig ist. „Punta Alem“ klingt mit seinen Glocken wie die musikalische Untermalung eines Spaziergangs durch eine eisige Höhle. Ich kann mir nicht helfen: Die ruhigen Chöre im Hintergrund lassen mich immer wieder an verschiedene Computerspiele denken, da viele Komponisten sich denselben Mitteln bedienen wie Übel.

In den Momenten, in denen sich auf „Fregata“ erst eine Synthspur, dann asiatisch anmutende Flöten und zum Schluss computergeneriertes Rauschen über jene Chöre legen, klopft jedes Mal das Herz ein bisschen schneller. Die Songs auf Ramifications haben oft eine erhabene Stimmung und durch die Myriaden an (unmusikalischen) Nebengeräuschen wird der Eindruck erzielt, es liefe tatsächlich ein Soundtrack zu einem Film, den man nur gerade nicht sehen kann. „Xplor“ wartet dagegen mit in Tempo und Rhythmus sich immer wieder transformierenden Arpeggios auf, eine willkommene Abwechslung auf einem sonst sehr ruhigen Album.


Donnacha Costello: Love from Dust

Donnacha Costellos Love from Dust besteht nur aus einem Instrument. Erstaunlich, wie viele und unterschiedliche Emotionen der Ire aus dem Buchla Music Easel herauskitzeln kann. Die Struktur seiner Stücke ist aufgrund der begrenzten Möglichkeiten des Synthesizers oft gleich –steigende Arpeggios, gleichmäßige 4/4-Akkorde oder formlose Klangflächen. Nichtsdestoweniger klingt kein Song wie der andere, aber alle klingen einnehmend.

Der Music Easel funktioniert, entgegen der vorherrschenden Philosophie der Synth-Hersteller, nach dem Prinzip „komplizierte Bedienung, einfache Sounds“. Costello hat die sieben Tracks live mit zwei Effektpedals aufgenommen, wie auch das ein paar Monate später erschienene Album Stay Perfectly Still. Das merkt man der Musik allerdings nicht an, so blitzebank klingt sie. So viel Kopfkino gibt es sonst nur auf Filmsoundtracks.


Thomas Brinkmann: What You Hear (Is What You Hear)

Dass das mal klar ist: Auf Thomas Brinkmanns neuem Album gibt es keinen Schnickschnack, keine versteckten Mitteilungen oder falsche Versprechungen. Das, was ihr hört, ist alles, und that’s it. Die Grenze zwischen experimenteller, minimalistischer Musik und nacktem Ton ist überschritten, von jetzt an ist alles nur noch Geräusch. 98 Jahre nachdem Erik Satie mit seiner Musique d’ameublement Musik zum ersten Mal aus dem Vordergrund in den Hintergrund verschob und die Backgroundmusik erfand, macht Brinkmann das Gegenteil: „unmusikalische“ Geräusche werden zu etwas, das man aufmerksam und konzentriert hört (oder zumindest aktiv als Musik auflegt).

Wer findet, dass „Old Dreams Waiting to Be Realized“ der beste Song auf Shaking the Habitual war, wird sich mit den Tonspuren (denn von Kompositionen kann hier kaum noch die Rede sein, von Songs schon gar nicht) namens „Agent Orange“, „Mitisgrün“ und „Graphit“ bestens amüsieren. What You Hear (Is What You Hear) geht als Endpunkt der Musik sogar noch weiter als Samuel Becketts Breath in Sachen Endpunkt des Theaters, da den elf Stücken jeglicher interpretatorische Ansatzpunkt fehlt. Klar, man kann die Pigmente, nach denen die Stücke benannt sind, in einen Zusammenhang bringen oder die Tautologie des Titels analysieren, aber eine solche literarische Analyse trägt nichts zum Verstehen der Musik bei. What You Hear (Is What You Hear) ist eine klangliche Nahtoderfahrung, eine Frage nach purem Ton, die man sich mal gestellt haben muss.


Bonustrack – Lakker: „Pylon“

Bei Lakker handelt es sich zwar nicht direkt um Ambient, aber der industrielle Techno des Dubliner Duos wirkt nicht nur auf dem Dancefloor des nächsten risikoreichen Clubs besonders. Den Track „Pylon“ wollen wir euch deshalb nicht vorenthalten.

Lakkers zweites Album, Tundra, ist auf Dauer etwas enttäuschend. Zu unspannend der Techno, zu ineffektiv die Noise Einsprengsel. Diesem Album fehlt es bei allem handwerklichen Können an Emotionen, gleich, ob positive oder negative. Ein Track sticht allerdings heraus: das Inception pervertierende Biest „Pylon“. Während der Industrialbeat gewohnt schwerfällig-treibend ist, verleiht das sich erst verdichtende und dann ausfransende Dröhnen dem Track eine Wucht, die Gänsehaut verursacht. Von ein paar klaren Pianotönen, die an 90er Electro erinnern, wie er auf übertriebene Weise in Hacker-Filmszenen dargestellt wird, mal abgesehen, ist „Pylon“ ein einziges, eintöniges, fast schon unmusikalisches Drängen, als würde James Blakes „Order“ von einer Dampfwalze angetrieben. Das Echo von Kirchenglocken tut sein Übriges, um zur unheimlichen Stimmung beizutragen. Als Soundtrack für den Showdown in einem Steampunk-Computerspiel wäre „Pylon“ ideal.


 

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