Dem Wandl unterworfen – wie ein St. Pöltner zu einem der interessantesten Klangkünstler Europas wurde

Wandl // © Christian Stantchev
Wandl // © Christian Stantchev

Der Österreicher Wandl ist nicht erst seit seinem Debütalbum „It’s All Good Tho“ einer der spannendsten Fälle Europas. Kaum ein anderer Musiker hat bereits in solch jungen Jahren ein derart weites Musikspektrum.

Bescheidenheit ist eine der Tugenden, die den jungen Musiker Wandl aus St. Pölten beschreibt – zumindest, wenn man seinen Interviews glauben schenkt. Stets versucht er seine Musik in den Vordergrund zu rücken und nicht seine eigenen Interessen oder irgendwelche Eitelkeiten. Doch für welche Musik steht einer der progressivsten Klangkünstler Europas überhaupt? Schenkt man dem Pressetext seines Labels Affine Records Glauben, ist es Schlafzimmer-Soul. Doch spätestens hier sollte man als eifriger Hörer Einspruch erheben. Der Sound ist viel weitgehender als, dass man ihn mit einem konstruierten Begriff abtun kann.

Wandl, der wie kaum ein anderer Musik mit verschleppten Loops, Samples und einer durch Songs gejagte Stimme arbeitet, zeigt bereits seit seiner ersten „Soon EP“ immer wiederkehrende Stilmerkmale auf. Durch die verschleppten Loops werden Nebelbette auf seine Trackspuren gelegt, was auch mit seiner Heimat St. Pölten zu tun hat, wie er bereits 2014 in einem Interview mit den Kollegen von Noisey erwähnt hat. Die niederösterreichische Hauptstadt wird von ihm selbst als trist und langweilig beschrieben und so unterlaufen auch manche seiner Tonspuren dieser sich wiederholenden Monotonie. Seine Frühwerke werden vom Hörer oft als in sich gekehrt wahrgenommen.

Als Schüchternheit zur Musik sollte dies aber keinesfalls gedeutet werden. Wandl kam bereits früh in Kontakt mit Musik, da beide Elternteile äußerst musikalisch sind, seine Mutter gar Musiklehrerin ist. Auch seine Nachbarn beschreibt er wiederholt in Interviews als musikbegeistert. Sozialisiert werde er musikalisch aber erst mit Hip Hop, was ihn dann im späteren Verlauf zu Soul und Jazz geführt hat. Wandl, der immer wieder im Zusammenhang mit dem oft thematisierten Hanuschplatz-Flow thematisiert wird, hat aber sicherlich leicht differenzierte Herangehensweisen an sein Schaffen. Die prominentesten Beispiele für den Hanuschplatz-Flow sind Künstler Yung Hurn, Crack Ignaz oder Young Krillin, die allesamt heute noch viel stärker durch von Trap geprägt werden.

Wandls Sound jedoch ist melodischer, lässt den Zuhörer durch die Melodie, nicht durch die Lyrics durch dunkle Nächte treiben. Die Nähe zu Hip Hop kann man dem jungen Musiker dennoch nicht abschreiben. Bassig sphärisch sind nämlich eine Vielzahl seiner insgesamt 17 Tracks auf dem Debüt. Dass 17 eine stattliche Zahl für eine Debütalbum ist, illustriert ganz gut, dass sich der noch junge Musiker nicht einen Stempel aufdrücken lassen möchte. Selbst style-technisch gibt sich Wandl, der auch noch ein damn cute boi ist, auf Pressebildern sehr wandlbar. Mal schiebt er den Daddy-Look und taucht ganz in die Riege des russischen Modedesigners Gosha Rubchinsky. Hier werden die 90er neu aufgemischt und dann mit modernen Schnitten kombiniert. Ein andermal gibt sich der in Wien lebende Musiker aber schlicht und puristisch im weißen T-Shirt und kombiniert dies schlicht mit Tennissocken und weißen Sneakers. Die Eleganz der Street-Credibility hält nicht bloß in seine Musik Einzug.

2015 hat er zusammen mit Crack Ignaz das Album „Geld Leben“ aufgenommen, welches im späteren Verlauf von einigen hochrangigen Hip Hop-Medien (Juice, All Good, Intro) als eines der besten des Jahres gekürt worden ist. Mit seinem Debütalbum „All Good Tho“ stellt er knapp zwei Jahre später klar, dass er auch selbst als Sänger selbstbewusst in den Vordergrund rücken kann. Süße Songs wie „Cola“ unterstreichen die soulige Farbe in Wandls Stimme, die nicht mehr bloß Mittel zum Zweck ist. Durch die lässigen Gesangspassagen wird trotz der manchmal kalten Loops ein Wohlbefinden beim Hörer erzeugt.

Ein Gefährte, der ihm geholfen auf diesen Weg zu gehen ist der Label-Mate Oliver Thomas Johnson genannt Dorian Concept. Der selbsternannte autodidaktische Jazzmusiker ist Halb-Amerikaner geht den Weg von Größen wie Aphex Twin und Co. und hat großen Einfluss auf den amerikanisierenden Einklang in Wandls Musik gehabt. Neben Dorian Concept, haben auch Gorillaz den Musiker bereits in der ersten Klasse inspiriert. Im Interview mit Red Bull zählt er zudem Madlib zu einen seiner Vorbilder. Tatsächlich scheut sich der US-Multiinstrumentalist nicht davor rein instrumentale Stücke zu produzieren, die von einer gewissen vintage Stimmung leben und sich auch der besten Nuancen aus Soul, Jazz und Hip Hop bedienen. Selbiges gilt eben auch für den Sound von Wandl.

Doch was sind schon Genre-Bezeichnungen? In dem Schaffen eines Wandl steht vielmehr das Bildhafte der Songs im Vordergrund. Die Live-Perfomance ist es, die viele seiner Songs antreibt und die er zu einem späteren Zeitpunkt dann in Zusammenarbeit mit dem Visual Artist Clemens Haas umzusetzen versucht. Dies zeigt nicht nur, dass der 23-jährige keineswegs nur mehr ein Schreibtischtäter ist, der im stillen Schlafzimmer an ein paar Samples herumschraubt. Der Kreativität sind längst keine Grenzen mehr gesetzt. Für die Abschlussprüfung eines befreundeten Regisseurs schrieb er für das Stück „Der gestohlene Gott“ die Musik in Hamburg und feilte nebenher an seinem Debüt. Dies verschaffte ihm Zugang zu neuen Möglichkeiten wie dem Recorden der Vocals und dem Flügel im Theater-Foyer.

Ausschließlich Produzent oder auf neudeutsch Producer ist Lukas Wandl also längst nicht mehr. Und in dem Punkt würde man den Begriff Schlafzimmer-Soul dann doch vollends unterschreiben. Sein komplettes Schaffen macht der Musiker in erster Linie für sich selbst. Der Dienstleister-Gedanke liegt seiner Musik fern und vielleicht finden wir gerade deshalb so intimen Zugang zu seiner Musik. Tracks wie „Schulhof“ oder „Window Color“ auf mögen uns auf den ersten Blick banal erscheinen, sind aber das Resultat ehrlicher und direkter Gedankengänge Wandls.

Man könnte als Nichthörer seiner Musik jetzt leicht denken, dass Wandl verdrehte Musik ohne Popgedanken macht, doch weit gefehlt! Auf Nachfrage der Intro wie er sein Debütalbum „It’s All Good Tho“ beschreiben würde, antwortet er knapp aber bestimmt mit „Nur Hits“. Der Junge weiß halt was er macht. Vor großen Hooks macht hier längst niemand halt. Popmusik muss nicht immer Mainstream sein.

Doch was macht Lukas Wandl jetzt letztendlich zu einem solch interessanten Musiker? Es ist das Austesten der Genregrenzen ohne sich jemals in etwas zu verlieren. Laut eigener Aussage hängt dies mit der Tatsache zusammen, dass er sich schwer damit tut sich einen Signature-Sound zuschreiben zu wollen. Aufgenommene Songs sind für ihn abgeschlossene Kapitel, die nur den Weg für neue Ideen freimachen. An dieser Stelle sollte man sich auch die Frage stellen, ob Musiker in Zeiten von Streaming überhaupt noch sich einem prägenden Stil zuschreiben lassen müssen. Songs tauchen über Nacht im Netz auf und werden als Momentaufnahme konsumiert.

Dass die Musik Wandls auch international annehmbar ist, macht nicht nur alleinig die Tatsache, dass er auf Englisch singt, aus. Sein Song implementiert Elemente aus der amerikanischen Afro-Kultur, europäischem Kunst-Bohème und österreichischem Schmäh. In diesem Sommer zeigt er diese Tauglichkeit auf den verschiedensten Bühnen Europas, wobei besonders Frankreich auf große Zuneigung zu stoßen scheint.

Die große Stärke Wandls besteht darin sich aus jedem Topf die besten Zutaten herauszupicken und sich zu eigen machen. Und genau das ist das Geniale an seiner Musik. Es ist nicht ein bloßer Abklatsch von Trends aus den Staaten, die europäisch umgedeutet werden, um dann als massentauglich zu gelten. Nein, Wandl geht es vielmehr um das Pure der Musik. Sie soll gefallen, in erster Linie ihm selbst aber nicht aus Eitelkeit, sondern aus Liebe zum Detail. Und wer dies bereits in jungen Jahren kapiert hat, hat es einfach verdammt nochmal faustdick hinter den Ohren und an dieser Stelle bleibt zuletzt nur als Abschluss des Kreises den Presstext mit den Worten: „Sky is the limit.“, zu zitieren.

Foto Credits gehen an: Christian Stantchev.